31.03.2019 Berlin, Eva Lichtspiele: Der Balkon, Wehrmachtsverbrechen in Griechenland

„Respekt für Griechenland e.V.“ und die Eva Lichtspiele laden ein:

Der Balkon
Wehrmachtsverbrechen in Griechenland
von Chrysanthos Konstantinidis

Griechenland 2018, 101 Min ,Original mit deutschen Untertiteln

Sonntag, den 31.3. 17:30 Uhr
Eva Lichtspiele Blissestraße 18, 10713 Berlin

„Nicht vergessen“ ist das Leitmotiv dieses eindrucksvollen Films!

Lyngiades, ein Dorf in Nord-Griechenland: wegen seiner wunderbaren Aussicht der „Balkon“ genannt. Doch die Idylle war Schauplatz eines Massakers, das hierzulande noch viel zu wenig bekannt ist: Am 3. Oktober 1943 ermordeten die deutschen Besatzer 82 Dorfbewohner und zerstörten fast alle Häuser.

Der Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus aus Bremen recherchierte und dokumentierte vor drei Jahrzehnten die Hintergründe dieses Verbrechens (s. sein Buch „Der Feuerrauch“). Jetzt führt er durch den Film. In diesem hören die Nachkriegsgenerationen am Ort, oft erstmalig, Erinnerungen von Überlebenden. Es sind Dokumente der Trauer vor dem Hintergrund eines kollektiven Traumas. Und es sind Einblicke in die unterlassene Aufarbeitung in Deutschland und in die verweigerte Wiedergutmachung.

Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es ein Gespräch mit dem Regisseur, Chrysanthos Konstantinidis, der aus Lyngiades stammt, und seinem Protagonisten, Christoph Schminck-Gustavus, auf dessen alten Ton- und Bildaufnahmen der Film weitgehend basiert.

Abschließend stellt der Verein „Respekt für Griechenland“ seine gerade begonnene Kampagne zu „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“ vor.

Benefizkonzert für Volonteers for Lesvos

Im JUKuz, einer Jugendbegegnungsstätte in Alt Treptow im Kungerkiez traten am 18. November 2018 fünf Chöre bei der Veranstaltung „Die Weltberliner und Freunde – Benefizkonzert für die Flüchtlingshilfe auf Lesbos“ auf. Sie sangen Lieder vom 16. bis zum 20. Jahrhundert aus aller Welt. Bis auf den Begegnungschor kamen die Chöre aus dem Kiez oder der Neuköllner Nachbarschaft.

Es waren ca. 150 Menschen allen Alters und vor allem viele Familien mit Kindern anwesend. Im  vollen Saal herrschte eine tolle Stimmung. Bei einigen Liedern wurde mitgesungen, im vorgegebenen Rhythmus geklatscht oder mit den Fingern geschnipst. Viele Migranten und Geflüchtete sangen in den Chören mit oder musizierten.

Ein Mitglied von Respekt für Griechenland hatte die Gelegenheit, gleich am Anfang etwas über die Situation der Geflüchteten auf Lesbos, die Tätigkeiten der Volunteers for Lesvos und die Verwendung der Spendengelder zu sagen.

In der Pause und am Ende wurde gesammelt. Es kamen 1220.- Euro an Spendengeldern zusammen.

Wir freuen uns sehr und bedanken uns herzlich bei den Chören und den Menschen, die gespendet haben – ganz besonders bei dem Chor „Die Weltberliner“, von dem der Anstoß kam, mit dem Konzert die „Volunteers for Lesvos“ zu unterstützen. www.die-weltberliner.de

Anne Brulez (Respekt für Griechenland)

 

Freiwillige für WELCommon in Athen

Projektbericht, Stand Dezember 2018

  1. Phase: Hostel WELCommon als FlüchtlingsunterkunftSeit Herbst 2016 entsendet Respekt für Griechenland Freiwillige nach Athen. Sie haben mitgeholfen, eine ehemalige Klinik im Zentrum von Athen in ein wegweisendes und viel beachteten Wohnprojekt für Geflüchtete, das Model Hostel WELCommon, umzugestalten.  Dort fanden vor allem Frauen, Männer und Kinder mit Gesundheitsproblemen und psychischen Belastungen durch Krieg und Flucht, sogenannte „Härtefälle“, eine lebendige und zugleich fürsorgliche Bleibe. Einen Eindruck davon vermittelt eine Präsentation von August 2017. WELCOMMON an innovative project
  1. Phase: Veränderte Nutzung von WELCommon
    Kurzfristig und nicht nachvollziehbar stellte UNHCR in Übereinstimmung mit der Stadt Athen zum 1. März 2018 jede finanzielle Förderung für die Flüchtlingsunterkunft ein. Alle, auch die hilfsbedürftigen Bewohner, mussten  – gegen ihren erklärten Willen und Protest – ausziehen (Näheres siehe unter Das  Ende des Wohnprojekts).

WELCommon stand vor dem Aus. Aber dessen Initiator und Leiter, Nikos Chrysogelos, ein früheres Mitglied des Europaparlaments und Vorsitzender der Sozialen Kooperative „Wind of Renewal“, sowie andere aus seinem Team geben nicht auf – obwohl eine Förderung durch eines der bestehenden Programme der Flüchtlingshilfe nicht in Sicht war und immer noch nicht ist. Das Folgeprojekt muss sich also selbst tragen. Zu diesem Zweck wurden fünf der sieben Etagen (insgesamt 3200 qm Wohnfläche) der früheren Flüchtlingsunterkunft in ein Hostel für innovativen und nachhaltigen Tourismus umgewandelt. Bereits im Juni 2018 war die Eröffnung.

Die beiden untere Etagen wurden so umgestaltet, dass die bisherige Arbeit mit und für Geflüchtete an fünf Tagen in der Woche in modifizierter Form weitergeführt werden kann.

  1. Phase: Erneutes Mitwirken von Freiwilligen
    Nachdem die Umbauphase abgeschlossen ist, werden Freiwillige wieder dringend für pädagogische, kulturelle und soziale Projekte mit Geflüchteten gebraucht. Ihre Betreuung und Anleitung sind durch die deutsch-griechische Sozialarbeiterin Christina K. und die Pädagogin Lizeta Z. gewährleistet.  Dankenswerterweise werden ihre Stellen vermittelt über Respekt für Griechenland ein Jahr lang von der Theodor Springmann Stiftung finanziert.

Lizeta und Christina beziehen Freiwillige in ihre Arbeit und ermutigen sie zugleich, eigene Projekte zu entwickeln. Lizeta ist hervorragend ausgebildet und hat viel Erfahrung mit interkultureller Kinderarbeit. Sie bezieht Freiwillige in Spiele, Kreativprojekte (Musik, Theater, bildende Kunst) und Ausflüge ein. Christina ist eine Absolventin des Studiengangs „Soziale Arbeit Plus-Migration und Globalisierung“ der Hochschule Darmstadt. Sie braucht Unterstützung für Kurse und Freizeitangebote, die von Jugendlichen und jungen Erwachsene nachgefragt werden. Auf Grund von Krieg und Flucht hat diese Altersgruppe einen großen Nachholbedarf an formaler und informeller Bildung. Ihnen bei der Integration in die griechische Gesellschaft und Arbeitwelt behilflich zu sein, ist eine der Aufgaben von Christina. Die Angebote werden von ehemaligen Bewohnern des Model Hostels WELCommon nachgefragt, aber auch von anderen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus der Nachbarschaft. Bei der Realisierung der Angebote sind Freiwillige unverzichtbar.  

Interessenbekundung an einer Mitarbeit
Wer Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit im WELCommon in Athen hat, teile uns seine Zeitplanung mit. Optimal ist eine Aufenthaltsdauer von mindestens drei Monaten. Im Ausnahmefall, z.B. bei raren Sprachkenntnissen, nehmen wir aber auch Bewerber und Bewerberinnen, die nur einen Monat bleiben können. Wir bitten um Angaben zu Ausbildung, Alter, Sprachkenntnissen, beruflichen und sonstigen Qualifikationen sowie zum gesellschaftspolitischen Engagement und zu praktischen Erfahrungen, insbesondere im Bereich Migration oder Flüchtlingsarbeit. Telefon- oder Handynummer nicht vergessen.

Unterkunft, Reise- und Lebenshaltungskosten
Den Freiwilligen steht in der Regel eine kostenfreie Unterkunft im Hostel WELCommon zur Verfügung. Bei Bedarf gibt Respekt für Griechenland e.V. einen Zuschuss von höchstens 200 Euro zu den Flugkosten sowie von höchstens 12 Euro/ pro Tag zu den Lebenshaltungskosten. Neuerdings besteht die zusätzliche Möglichkeit einer Finanzierung über ein deutsch-griechisches Programm.

Kontaktaufnahme zum Projektleiter Herbert Nebel über „initiative-rfg@posteo.de“

Spendenkonto für die Flüchtlingshilfe in Griechenland bei der GLS Bank
Kontoinhaber: Respekt für Griechenland e.V. / IBAN: DE15 4306 0967 1175 7746 02 / BIC: GENO DE M 1 GLS  Steuernummer: 27 / 676/ 52054
Spendenbescheinigungen werden bei Angabe von Name und Anschrift am Jahresende ungefragt zugeschickt.

Respekt für Griechenland e.V.
Postanschrift: Holsteinischer Straße 23, 10717 Berlin
Vorstand: Reinhard Feld/ Hilde Schramm

Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland

vollständiges und aktualisiertes RfG-Positionspapier: Stand Januar 2019

Wir sind eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich in Griechenland in der Flüchtlingshilfe engagieren, dort Klimaschutzprojekte machen und Selbsthilfegruppen unterstützen. Durch unsere Zusammenarbeit mit Griechen wissen wir, wie fest unter einer beruhigten Oberfläche die Verbrechen von Deutschen im 2. Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Zugleich mussten wir erkennen, wie beschämend gering die Bereitschaft Deutschlands war, Griechenland beim Aufbau seines zerstörten Landes zu helfen und die Leidtragenden zu entschädigen.

Griechenland war, außer als Ferienland, erstaunlich lange aus dem Blickfeld der meisten Deutschen geraten. Der Konflikt zwischen Deutschland und Griechenland zur Schuldenkrise hat den Nebeneffekt, daß die beiden Länder sich näher gekommen sind. Die neue Aufmerksamkeit gegenüber Griechenland holt aber auch den lange verdrängten Besatzungsterror in das Bewusstsein der Nachgeborenen. Und so wächst die Einsicht, dass weitere Kompensationen moralisch und politisch geboten sind.

Wir würden es begrüßen, wenn die deutsche Regierung in Verhandlungen mit Griechenland über deren Reparationsforderungen tritt- auch wenn dabei nur einige der Fragen geklärt werden können. Bisher verweigert Deutschland jedes Gespräch. Ein Motiv ist offenbar, angesichts der Zerstörungen und Beraubungen auch anderer okkupierter Länder keinen Präzedenzfall zu schaffen. Gleichwohl hat die Bundesrepublik Deutschland über die Jahre, immer unterhalb von Rechtsansprüchen, mit einzelnen Ländern „indirekte“ oder „außergesetzliche“ Entschädigungen ausgehandelt, desgleichen für bestimmte Gruppen von NS-Verfolgten. Sie hat Fonds und Stiftungen, die humanitär und moralisch begründet wurden, eingerichtet und einmalige Tatbestände als klärungsrelevant anerkannt. Das alles ist unbefriedigend, dennoch setzen wir hier an.

Die Verpflichtungen aus der zurückliegenden Kriegsschuld sind nicht erledigt und sie werden auch zukünftig nicht erledigt sein. Die von Deutschland begangenen Verbrechen gegen die Menschheit erscheinen mit wachsendem Zeitabstand nicht geringer, werden vielmehr durch zunehmendes Wissen und neue Bewertungen immer größer. Das zeigt sich gegenwärtig bei Griechenland.

Wir richten deshalb drei Forderungen, die wir für vordringlich und für zeitnah erfüllbar halten, an den Bundestag und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland:

o Rückzahlung des Zwangskredits Griechenlands an das „Deutsche Reich“
o Rückzahlung des Lösegelds für jüdische Zwangsarbeiter in Thessaloniki
o Einrichtung eines Fonds zur nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums – unter besonderer Berücksichtigung der „Märtyrerdörfer“.

Rückzahlungen

Zwangskredit Griechenlands an das „Deutsche Reich“
Die gegenwärtige griechische Regierung hat eine alte Forderung an Deutschland erneuert: Sie fordert die Rückzahlung eines Kredits, den die deutsche Besatzung von Griechenland erpresst hat. Die Zwangsanleihe wurde bereits bei der Pariser Reparationskonferenz 1945/46 von der griechischen Regierung als ein Sondertatbestand herausgenommen, ebenso bei allen späteren Verhandlungen zu Kriegslasten und Reparationen.

Inzwischen ist hinreichend belegt, dass es sich nicht um Besatzungskosten, sondern um ein zinsloses Darlehen handelte. Rückzahlungen waren vertraglich vereinbart. Nachweislich wurden Teile des Kredits noch während des Krieges getilgt. Die noch offenen Beträge werden in offiziellen deutschen Dokumenten als „Reichsschuld“ bezeichnet. Am Ende des Krieges betrug die Restschuld 476 Millionen Reichsmark. Ihr heutiger Wert beträgt ohne Zinsen schätzungsweise 7 Milliarden Euro, mit Zinsen 11 Milliarden Euro.

In der hiesigen Gesellschaft, Wissenschaft und Politik sowie in den Medien mehren sich die Stimmen, die eine Rückzahlung für prinzipiell berechtigt halten. Um zu einer Klärung zu kommen, sollte Deutschland der griechischen Regierung anbieten, gemeinsam den „Vergleichs- und Schiedsgerichtshof innerhalb der OSZE“ in Genf anzurufen oder zumindest von diesem ein Gutachten erstellen zu lassen. Eine Zuständigkeit wäre gegeben. Ein solcher Schritt würde eine Gesprächsbereitschaft signalisieren, auf die Griechenland seit Jahrzehnten wartet.

Lösegeld für jüdische Zwangsarbeiter in Thessaloniki
Am 1. Juli 1942, einem Sabbat, mussten sich alle jüdischen Männer im Alter von 18 bis 45 Jahre zur Registrierung auf dem „Platz der Freiheit“ einfinden. Sie wurden drangsaliert und gedemütigt. Das war der erste öffentliche Akt der Judenverfolgung in Thessaloniki. In der Folgezeit wurden mehrere tausend jüdische Männer u. a. zum Bau von Militärstraßen gezwungen. In den Arbeitslagern herrschten miserable und brutale Lebensbedingungen. Es gab Seuchen und Erschießungen.

Um ihre Söhne und Männer zu retten, ließ sich die jüdische Gemeinde auf ein Abkommen mit dem Chef der Wehrmachtsverwaltung, Max Merten, ein: Den Freikauf der Zwangsarbeiter gegen ein Lösegeld von 3,5 Milliarden Drachmen (damals 38 Millionen Reichsmark, bzw. 69 Millionen US Dollar). Die Gemeinde konnte aber in der kurzen Zeit von zwei Monaten nur 2 Milliarden Drachmen aufbringen. Notgedrungen willigte sie ein, dass an Stelle der fehlenden Summe der alte jüdische Friedhof zerstört und als Bauland der Stadt Thessaloniki übereignet wurde. Mit Marmorplatten und anderen Grabsteinen wurde z.B. ein Schwimmbad für deutsche Offiziere gebaut. Bis Mitte Dezember 1942 wurde das Lösegeld in Raten bezahlt. 7500 jüdische Zwangsarbeiter kamen frei. Einige Monate später aber wurden sie zusammen mit über 46.000 Juden aus Thessaloniki nach Auschwitz in den Tod geschickt.

Die Jüdische Gemeinde fordert das Lösegeld von Deutschland zurück. Seinen heutigen Wert setzt sie mit 45 Millionen Euro an. „Respekt für Griechenland“ unterstützt diese Forderung aus folgendem Grund: Es ist an sich schon ein Verbrechen, Menschen als Zwangsarbeiter zu missbrauchen. Sie nach Zahlung eines Lösegelds freizulassen und kurz drauf zu ermorden, ist so schrecklich, dass alle die davon gehört haben, diese Schandtat nie mehr vergessen können.

Fonds zur nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raum – unter besonderer Berücksichtigung der „Märtyrerdörfer“

In Griechenland haben die Deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS während der Besatzung mehr als 1000 Dörfer ganz oder teilweise zerstört und viele tausend Zivilisten umgebracht. Die deutschen Befehlshaber wollten damit den Widerstand der Partisanen gegen die Besatzung brechen, allerdings erfolglos. Auf Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht sollten für den Angriff auf einen deutschen Soldaten oder dessen Ermordung 50 bis 100 Geiseln erschossen werden. Die deutschen Truppen wurden darüber hinaus ermächtigt, auch Frauen und Kinder zu töten. Schließlich genügte der Verdacht der Partisanenunterstützung, um Dörfer niederzubrennen und Bewohner zu ermorden.

Der Wiederaufbau von Dörfern und Städten wurde von der Bundesregierung zu keiner Zeit unterstützt, obwohl zahlreiche Bürgermeister in den 50-er Jahren darum baten. Aber auch sonst erhielt Griechenland von Deutschland keinerlei Aufbauhilfe. In der Nachkriegszeit und lange danach ordnete die deutsche Bundesregierung den Besatzungsterror unter „allgemeine Kriegsfolgen“ ein. Noch 1995 bezeichnete die Deutsche Botschaft in Athen in einem Schreiben an Argyris Sfountouris das Massaker in Distomo „als Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“. Inzwischen sehen nicht nur Griechen, sondern immer mehr Deutsche darin Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber auch die Sicht deutscher Politiker hat sich verändert. Bemerkenswert ist, dass sich der Deutsche Botschafter in Athen, Jens Plöttner, in einer Rede am 26. Mai 2018 von Aussagen seiner Vorgänger distanziert hat: „Manch` offizielle Korrespondenz aus den letzten Jahrzehnten –auch von der Deutschen Botschaft – ist in ihrem Duktus schwer zu ertragen. Dafür schäme ich mich und dafür möchte ich mich bei Ihnen, Herr Sfountouris, heute entschuldigen.“

Nachdem die in Griechenland begangenen Verbrechen zunehmend in der deutschen Gesellschaft und Politik erinnert und benannt werden, ist die Zeit reif dafür, den Worten nunmehr Taten folgen zu lassen, und zwar ohne weiteren Aufschub und unabhängig von einer Klärung der Reparationsfragen.

Ein Angebot an Griechenland könnte ein Entwicklungsfonds für den ländlichen Raum sein. Vorrangig sollten diejenigen Dörfer und kleinen Städte bedacht werden, die unter dem deutschen Besatzungsterror vor allen anderen gelitten haben. Solche Orte werden in Griechenland seit 1998 offiziell „Märtyrerdörfer“ genannt. Sie werden nach bestimmten Kriterien, nachdem die historischen Fakten durch eine Kommission geprüft wurden, in die „Liste der Märtyrerdörfer und –Städte Griechenlands“ aufgenommen. Die Liste umfasst inzwischen an die 100 Orte. In einem Beitrag zu ihrer nachhaltigen Entwicklung sehen wir heute nach 75 Jahren die bestmögliche Antwort auf die deutschen Massaker.

Der Fonds wäre in allen kommunalen Bereichen verwendbar, so z.B. in der Landwirtschaft; im Tourismus; im Handwerks- und Produktionsbereich; für erneuerbare Energien; in Kindergärten, Schulen oder Berufsbildung; in der medizinisch–sozialen Versorgung alter Leute. Da die Märtyrerdörfer in der Regel einem Ge-meindeverbund angehören, käme ihre Förderung direkt oder indirekt auch weiteren Dörfern in der Region zu Gute.

Als Höchstgrenze der Förderung pro Dorf/ Kleinstadt werden 600. 000 € angesetzt, als durchschnittliche Projekt–Bewilligung 300.000 €. Bei schätzungsweise 50 beteiligten Ortschaften sind 15 Millionen Euro notwendig, die in den kommenden 5 Jahren mit jeweils 3 Millionen Euro in den Bundeshaushalt einzustellen sind.

Maßnahmen, die einer gemeinwohlorientierten Entwicklung dienen, schlagen die einzelnen Kommunen unter Beteiligung ihrer Bewohner vor. Über die Anträge entscheidet eine Kommission, der neben unabhängigen, mehrheitlich griechischen Gutachtern auch Vertrauenspersonen des „Netzwerks der Märtyrerstädte und -Dörfer“ angehören. Mit der Beratung und Unterstützung bei der Entwicklung und Durchführung der Projekte wird eine griechische, nicht-staatliche Einrichtung beauftragt, die ein transparentes Verfahren gewährleistet.

Anders als der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds, der seit 2015 besteht und jährlich mit 1 Millionen Euro ausgestattet wird, richtet sich der hier vorgeschlagene Fonds nicht auf Erinnerungsarbeit oder Versöhnung. Die Förderung von Projekten in Wissenschaft, Kultur und Bildung ist zweifellos wertvoll, kann aber nicht alles sein. Der Entwicklungsfonds möchte die materiellen Grundlagen für gute Lebensbedingungen im ländlichen Raum verbessern. Und dies unabhängig davon, ob die Überlebenden oder deren Nachkommen sich längst mit „den Deutschen“ versöhnt haben oder sich gar nicht mit ihnen versöhnen wollen.

Von den bestehenden EU-Programmen würde sich der deutsche Fonds durch die Vielseitigkeit seiner Verwendungsmöglichkeiten unterscheiden und durch ein einfaches Antragsverfahren auszeichnen. Er sollte es zudem den Kommunen anbieten, ihnen beim Einwerben zusätzlicher EU-Fördermittel behilflich zu sein.

V.i.S.d.P Hilde Schramm, Respekt für Griechenland e.V., Berlin

Die für das Positionspapier wichtigste Literatur
Mark Mazower, Griechenland unter Hitler, Engl. Originalausgabe 1995. Deutsche Übersetzung 2016 Rena Molho, Der Holocoust der griechischen Juden. Studien zur Geschichte und Erinnerung. Deutsche Übersetzung 2016 Hagen Fleischer / Despina Konstantinakou, Ad calendas graecas? Griechenland und die deutsche Wiedergutmachung, in: Hans Günter Hockerts u .a., Grenzen der Wiedergutmachung, 2006, S. 375 -457

Katerina Kralowa, Das Vermächtnis der Besatzung. Deutsch-griechische Beziehungen seit 1940, 2016 Karl Heinz Roth und Hartmut Rübner, Reparationsschuld, 2017

Vorwort von Hilde Schramm zu Bernhard Hetzenauers „Faces of Athens“

Das Buch erscheint Ende 2018 auf Englisch in Berlin.

Portraits von Patienten und Freiwilligen in Sozialkliniken in und bei Athen

 In Griechenland entstanden seit 2011 landesweit an die 500 sozialmedi-zinische Einrichtungen, in denen Patienten, die keine Krankenversicherung haben, kostenlos beraten und behandelt werden. Sie sind eine Antwort auf „die Krise“- wie die Griechen abgekürzt sagen -,in deren Verlauf mehrmals der Staatsbankrott drohte und weite Teile der griechischen Bevölkerung in soziales Elend absanken. „Vorwort von Hilde Schramm zu Bernhard Hetzenauers „Faces of Athens““ weiterlesen

Portraits von Patienten und Freiwilligen in Athener Sozialkliniken

Vorwort von Hilde Schramm zu Bernhard Hetzenauers Buch „Faces of Athens“  (erscheint Ende 2018 auf Englisch in Berlin)

In Griechenland entstanden seit 2011 landesweit an die 500 sozial-medizinische Einrichtungen, in denen Patienten, die keine Krankenversicherung haben, kostenlos beraten und behandelt werden. Sie sind eine Antwort auf „die Krise“- wie die Griechen abgekürzt sagen -,in deren Verlauf mehrmals der Staatsbankrott drohte und weite Teile der griechischen Bevölkerung in soziales Elend absanken.
[…]
„Faces of Athens“ enthält Portraits in Monologform von neunzehn Patienten und drei Freiwilligen. Den Porträts liegen Gespräche zugrunde, die Bernhard Hetzenauer überwiegend in der Sozialklinik Elliniko im Süden Athens, aber auch in zwei „Sozialen Arztpraxen und Apotheken“ (KIFA) in Piräus und am Omoniaplatz im Zentrum Athens führte. Das war im Frühjahr 2016. Es sind historische Dokumente aus dem Zenit „der Krise“. Aber wer sich mit Griechenland beschäftigt, weiß, dass das soziale Elend trotz gewisser Erleichterungen anhält.
=>hier das ungekürztes Vorwort von Hilde Schramm

Unterstützung von Solidarität Piräus

Solidarität Piräus hat sich 2012 gegründet und kocht seit 2013 regelmäßig für Menschen, die in Not geraten sind. Inzwischen hat die Gruppe ihren Aktionsradius erheblich erweitert. Neben der Sozialen Küche entstanden eine alternative Schule, eine Möbelwerkstatt und vieles mehr. Durch eine eigene Währung, genannt Porto, werden Waren, ins. Nahrungsmittel, gegen Mitarbeit getauscht. „Unterstützung von Solidarität Piräus“ weiterlesen

Niels Kadritzke: Nachtrag zur Veranstaltung zur jüdischen Geschichte und Gegenwart in Thessaloniki

Die am 23.08.2018 stattgefundene Veranstaltung von „Heinrich Böll Stiftung-Büro Thessaloniki“ und „Respekt für Griechenland e.V.“ war ein Programmteil der „Europäischen Kulturtage 2018: Thessaloniki“ des Museums für Europäische Kulturen (9. August bis 9. September 2018) in Berlin-Dahlem zum Thema
„Salonica – Erinnerungen an das untergegangene „Jerusalem des Balkans“ Ein deutsch-griechischer Dialog über Vergessen, Verdrängen und Bearbeiten“

In diesem Zusammenhang steht der Beitrag „Das Jerusalem des Balkans“ von Niels Kadritzke, der am 06.10.1995 in „die tageszeitung“ (taz) veröffentlicht wurde. Im Folgenden geht der Autor in einer Vorbemerkung vom 26.08.2018 auf Entwicklungen ein, die sich seither ergeben haben und sich auf die verleugnete und wieder erinnerte jüdische Geschichte der Stadt Thessaloniki beziehen:

Vorbemerkung (26.08.2018)
von Niels Kadritzke zum Beitrag „Jerusalem des Balkans“ (06.10.1995)

Seitdem ich nachstehenden Text über das “a-semitische” Thessaloniki geschrieben habe, sind fast 23 Jahre vergangen. Damals hatte ich auch die Selbstdarstellung im Auge, die das ehemalige „Jerusalem des Balkans“ den auswärtigen Besuchern bieten würde, die zwei Jahre später die Europäische Kulturhauptstadt 1997 erkunden wollten. Im Oktober 1995 waren in der Ausstellungs- und Veranstaltungsplanung der Organisatoren lediglich Spurenelemente der jüdischen Geschichte Thessalonikis zu finden.

Das hat sich allerdings geändert. Deshalb muss ich diesem Text einige Bemerkungen voranstellen, die würdigen sollen, was seit 1995 geschehen ist. Dabei ist zunächst bemerkenswert, dass in die Planung für die Kulturhauptstadt doch noch ein Holocaust-Denkmal aufgenommen wurde, das knapp vor dem Ende des Jahres, nämlich am 23. November 1997 von Staatspräsident Stephanopoulos eingeweiht wurde. Die Skulptur des serbischen Künstlers Nandor Glid steht seit 2006 am Rand jenes „Freiheitsplatzes“, auf dem am 11. Juli 1942 die Demütigung und Vernichtung der Juden von Thessaloniki begonnen hat.

Ebenfalls im Jahr 1997 wurde die Planung des Jüdischen Museums von Thessaloniki beschlossen, das aus dem Kulturhauptstadt-Etat finanziert und im Mai 2001 eröffnet wurde. In diesem Museum, das auf Beständen des historischen Studienzentrums der jüdischen Gemeinde aufbaut, sind auch noch einige wenige Grabsteine zu sehen, die vom alten jüdischen Friedhof übrig geblieben sind.

Auf dem weitläufigen Gelände am Rand des Stadtzentrums, das bis 1943 mehr als 300 000 Gräbern Platz bot, befinden sich heute die Ausstellungshallen der Internationalen Messe von Thessaloniki und die Gebäude der Aristoteles-Universität. Doch bis vor wenigen Jahren war auf dem Uni-Campus kein einziger Hinweis auf den zerstörten jüdischen Friedhof zu finden, obwohl die Gehwege zwischen den Instituten zum Teil aus den alten Grabplatten bestanden. Die Rektoren der Aristoteles-Universität, die seit ihrer Gründung „500.000 Leichen im Keller“ hatte (wie Eberhard Rondholz einmal bitter vermerkt hat), weigerte sich jahrzehntelang, wenigstens eine kleine Gedenktafel auf dem Campus anzubringen.

Diese unfassliche Geschichsverleugnung, die von der jüdischen Gemeinde Thessalonikis als „Memozid“ empfunden wurde, ist seit dem 9. November 2014 Geschichte. An diesem Tag wurde eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den alten Jüdischen Friedhof eingeweiht. Dass dies endlich geschah, ist vor allem ein Verdienst des Bürgermeisters Yiannis Boutaris, der seit Januar 2011 im Amt und seitdem bemüht ist, die osmanische wie die jüdische Dimension der Geschichte Thessalonikis nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger bewusst und erfahrbar zu machen.

Wie entschieden, ja rücksichtslos sich Boutaris mit der Vergesslichkeit seiner Landsleute auseinandersetzt, demonstriert die Ansprache, die der Bürgermeister bei der Einweihung des Denkmals für den Jüdischen Friedhof auf dem Gelände der Aristoteles-Universität gehalten hat. Deshalb will ich diesen Vortext mit einem längeren Zitat aus der Rede beschließen, die Boutaris nicht zufällig am 9. November 2014 gehalten hat.

„Die Stadt Thessaloniki hat sich auf nicht zu rechtfertigende Weise sehr viel Zeit gelassen, um das Schweigen zu brechen und endlich der düstersten Phase ihrer Geschichte zu gedenken. Heute aber kann sie sagen, dass sie sich für dieses unberechtigte und sträfliche Schweigen schämt. Sich schämt für die Kollaborateure der Stadt, die mit den Okkupanten kooperiert haben, für die Nachbarn, die sich unrechtmäßig Besitztümer angeeignet haben, für diejenigen, die Mitmenschen denunziert haben, die zu fliehen versuchten.

Und vor allem schämt sie sich für die Verantwortlichen der Stadt: für den Bürgermeister und den Generalverwalter, die ohne weiteres einwilligten, dass städtische Arbeiter in einer Nacht 500 Jahre der Erinnerung zerstören und den größten jüdischen Friedhof Europas in eine Schädelstätte verwandeln konnten. Sie schämt sich für den Direktor des Archäologischen Dienstes, der mit Unverständnis reagierte, als sich die jüdische Gemeinde 1946 darüber beschwerte, dass man Grabsteine als Baumaterial für den Wiederaufbau der Kirche Ayios Dimitrios verwendet hat. Und sie schämt sich für diejenigen Universitätsrektoren, die nach dem Krieg die Gebäude der Universität neben und auf den zerstörten Gräbern errichtet haben, ohne auch nur eine Gedenktafel anzubringen.
Heute erkennen wir, dass der Verlust von 56 000 jüdischen Bürgern Thessalonikis ein Verlust für uns alle ist – für Christen, Juden und Muslime, für Atheisten und Agnostiker. Es ist ein Verlust für jene, die hier gelebt haben, aber auch für alle, die nach uns hier leben werden. Der Holocaust hat nicht nur die Vergangenheit unserer Stadt belastet, er hat uns –schlimmer noch – die Zukunft gestohlen. Wer wollte bezweifeln, dass Thessaloniki mit einer blühenden und kosmopolitischen jüdischen Gemeinde eine andere Stadt wäre?

Weil also dieser Verlust letzten Endes auch der unsere ist, ist das Gedenken an den Holocaust nicht nur eine Sache der jüdischen Gemeinde, sondern unser aller Sache. Er betrifft uns als Bürger Thessalonikis, als Griechen und als Europäer. Er stiftet eine neue Beziehung zu dieser Stadt und erweitert unseren Begriff von Menschlichkeit.

In diesem Sinn begrüßen wir heute die Entscheidung des Rektorats, die Erlaubnis für diese Gedenkstätte zu erteilen.“

Diese Sätze wären ein schönes, optimistisch stimmendes Gegenstück zu dem Text von 1995, der hier nachzulesen ist. Aber die griechische Realität von 2018 zwingt uns, dieses optimistische Bild zu relativieren. Am 20. Januar 2018 gingen in Thessaloniki etwa 100 000 empörte Bürger auf die Straße, um gegen ein geplantes Abkommen der Athener Regierung mit der Regierung in Skopje zu protestieren. Dabei waren immer wieder bösartige Parolen gegen den Bürgermeister Yiannis Boutaris zu hören. Denn der hat sich offen für eine Vereinbarung ausgesprochen, die dem nördlichen Nachbarn einen Namen „zugesteht“, der das Wort „Mazedonien“ enthält. Das aber ist für die große Mehrheit der Menschen im griechischen Teil Mazedoniens – und in Thessaloniki – ein Sakrileg: Für sie ist das Wort und der Begriff Mazedonien seit jeher und auf ewig „griechisch und allein griechisch“.

Bei dieser Demonstration führten faschistische Teilnehmer Plakate mit, auf denen Boutaris als „xeftila“ (etwa: käuflicher Lump) beschimpft und aufgefordert wurde: „Nimm dein Judenpack und hau ab!“ Ein anderes Plakat zeigte Boutaris bei der Grundsteinlegung für das Jüdische Museum, auf dem Foto hat er eine Kippa auf dem Kopf.
Dass es auch in Griechenland Faschisten mit antisemitischen Grundüberzeugungen gibt, ist keine Überraschung. Das Beunruhigende an solchen Episoden ist allerdings, dass die klein- und die gutbürgerlichen Patrioten, die sich über das Thema Mazedonien erregen können, die  Rassisten nicht aus ihren Reihen ausgrenzen und nach Hause schicken. Was wiederum auf eine Gefahr verweist, die wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Wo der Chauvinismus blüht, geht früher oder später die Saat des Antisemitismus auf.

Am 27. Juni dieses Jahres haben Unbekannte das Denkmal für die Holocaust-Opfer von Thessaloniki mit Farbe beschmiert. Kurz darauf verunstalteten geistesverwandte Täter das Denkmal auf dem Gelände der Aristoteles-Universität, das an den ehemaligen jüdischen Friedhof erinnert, mit blauer Farbe und übermalten die Gedenktafel mit einem Kreuz. Die Stadtverwaltung von Thessaloniki verurteilte diesen politischen Vandalismus mit dem Worten: „Die Schändung des Denkmals ist eine schimpfliche Attacke nicht nur auf das Gedenken unserer jüdischen Mitbürger, die im Holocaust umgekommen sind, sondern vor allem auf die kollektive Erinnerung und Geschichte der Stadt selbst.“

Niels Kadritzke / 26.08. 2018
Download: „Das Jerusalem des Balkans“ mit Vorbemerkung
(weitere Beiträge von Niels Kadritzke siehe

https://monde-diplomatique.de/blog-nachdenken-ueber-griechenland)