Vorwort von Hilde Schramm zu Bernhard Hetzenauers „Faces of Athens“

Das Buch erscheint Ende 2018 auf Englisch in Berlin.

Portraits von Patienten und Freiwilligen in Sozialkliniken in und bei Athen

 In Griechenland entstanden seit 2011 landesweit an die 500 sozialmedi-zinische Einrichtungen, in denen Patienten, die keine Krankenversicherung haben, kostenlos beraten und behandelt werden. Sie sind eine Antwort auf „die Krise“- wie die Griechen abgekürzt sagen -,in deren Verlauf mehrmals der Staatsbankrott drohte und weite Teile der griechischen Bevölkerung in soziales Elend absanken.

Im Maße wie Arbeitslosigkeit und Armut zunahmen, stieg die Anzahl derer, die aus der öffentlichen Krankenversorgung heraus fielen. Zur Erklärung: In Griechenland ist die Kostenübernahme im öffentlichen Gesundheitsweisen in der Regel an die Erwerbstätigkeit gebunden. Wer die Arbeit verliert, verliert auch die Krankenversicherung. Die Folge ist, dass kranke Menschen weder in bestehenden Kliniken noch von niedergelassenen Ärzten behandelt werden, es sei denn sie können die Rechnungen im Voraus privat bezahlen. Dieser Misstand wurde in „der Krise“ besonders virulent, denn er traf zusammen mit kurzsichtigen Einsparungen von fast 45 % im Gesundheitsbereich, zu denen die griechischen Regierungen unter den Ministerpräsenten Papandreou, Samaras und Tsipras von der EU gezwungen wurden. Unbestreitbar ist, dass es einen Reformstau in Griechenland gab. Unbestreitbar ist aber auch, dass die Sparauflagen ohne gleichzeitige nachhaltige Investitionsprogramme zu einer Rezession führen mussten, die bei einem sowieso nur schwach entwickelten Sozialstaat mitleidslos das Leben vieler Menschen in Griechenland zerstörte.

Angesichts des weitgehenden Zusammenbruchs der öffentlichen Krankenversorgung gründeten Ärzte und Apotheker gemeinsam mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern Sozialkliniken und Soziale Arztpraxen in Verbindung mit sozialen Apotheken. Dort arbeiteten in den letzten acht Jahren hunderte von Ärzten, Krankenschwestern, Sozialarbeitern, Verwaltungskräften und Handwerkern – neben ihrer sonstigen Erwerbsarbeit, ohne Bezahlung, als Freiwillige. Sie wurden und werden unterstützt von weiteren Freiwilligen aus allen Teilen der Bevölkerung, die häufig ihre Stellen verloren hatten und selbst in Armut abgeglitten waren. Alle diese Frauen und Männer verstanden und verstehen sich als Teil einer politischen Solidaritätsbewegung. Sie wollen nicht nur vielen einzelnen, die in Not geraten sind, helfen, sondern die griechische Politik und das griechische Sozial- und Gesundheitssystem grundlegend verändern.

„Faces of Athens“ enthält Portraits in Monologform von neunzehn Patienten und drei Freiwilligen. Den Portraits liegen Gespräche zugrunde, die Bernhard Hetzenauer überwiegend in der Sozialklinik Elliniko im Süden Athens, aber auch in zwei „Sozialen Arztpraxen und Apotheken“ (KIFA) in Piräus und am Omoniaplatz im Zentrum Athens führte. Das war im Frühjahr 2016. Es sind historische Dokumente aus dem Zenit „der Krise“. Aber wer sich mit Griechenland beschäftigt, weiß, dass das soziale Elend trotz gewisser Erleichterungen anhält.

Hetzenauers prominentester Gesprächspartner ist Dr. Giorgos Vichas, ein angesehener Kardiologe in Athen. Zwei Beiträge von ihm, ein erster Text am Anfang und ein zweiter Text am Schluss des Buches, bilden die Klammern für die anderen Lebensgeschichten. Von ihm ging der Impuls zur Gründung der „Metropolitan Community Clinic at Helliniko“ aus. Über die Anregungen, die er erhielt, und seine Motive berichtet er in seinem zweiten Text.

Die Sozialklinik Elliniko öffnete ihre Tore im Dezember 2011 als eine der allerersten in Griechenland und entwickelte sich zu einer der größten und bekanntesten im Land. Über 7 000 Patienten wurden dort bislang (Stand Okt. 2018) bei ca. 60.000 Terminen beraten und behandelt.

Woher nimmt jemand wie Giorgos Vichas seine anhaltende Einsatzbereitschaft? Seine Erklärung lautet: „When you are on the frontline fighting every day, you feel that you are doing something and this activity fills you with power. That power helps you deal with the challenges better. So I would say that I benefited form my work at the clinic with regards to how I experienced the crisis“.

Eines seiner Themen ist, warum einzelne, kleine Verbesserungen so wenig nützen: Zwar hat die Syriza Regierung seit kurzem ein Gesetz erlassen, dem gemäß Personen auch ohne Krankenversicherung in Kliniken behandelt werden müssen, und zwar kostenlos. Aber die Einkommensobergrenze für die Begünstigen wurde mit 2400 € im Jahr für eine Person, bzw. 6.300 € für eine dreiköpfige Familie, so extrem niedrig angesetzt, dass faktisch die meisten nicht- versicherten Patienten dennoch keinen freien Zugang zu den Kliniken haben. Zudem sind, wie Vichas eindringlich beschreibt, die staatlichen Kliniken in einer so desolaten Situation, dass sie die Kranken nicht hinreichend versorgen können. Patienten bekommen keine Termine. Es fehlt an Ärzten, weil freiwerdende Stellen eingespart wurden. In vielen Regionen gibt es keine Fachärzte mehr. Moderne Operationsmethoden entfallen wegen fehlender Instrumente. Die Ausstattung ist so mangelhaft, dass die Sozialklinik Elliniko von staatlichen Krankenhäusern gebeten wird, ihnen medizinische Hilfsmittel und Medikamente abzugeben, die sie selbst als Sachspenden erhalten haben: „Over the past ten days, we  have given about 250 boxes of supplies to public hospitals. The hospitals ask for these. They call us.“ Die Mängel verlängern, vermehren und verschlimmern die Krankheiten in der Bevölkerung und erzeugen dadurch höhere Kosten für den Staat. „My message is, that austerity in health kills both, people and economy“ (Giorgos V.).

Sein Entsetzen über die inhumane Austeritätspolitik der EU unterlegt Vichas mit Statistiken und eigenen Beobachtungen aus dem Gesundheitsbereich. Ein imaginäres Zwiegespräch mit Merkel und Schäuble endet mit der Frage: „Who authorized you to destroy people because they are in debt, debt they haven`t even caused themselves?“.

Die Portraits von 19 Patienten, 11 Frauen und 8 Männern, konkretisieren und veranschaulichen das Elend kranker und arbeitsloser Menschen in Griechenland. Alle Patienten sind, abgesehen von drei Frauen um 40, zwischen 51 bis 67 Jahre alt. Da die lebensgeschichtlichen Gespräche bis in die jeweilige Kindheit zurückreichen, erfahren wir interessante Einzelheiten über unterschiedliche Lebensbedingungen in den zurückliegenden Jahrzehnten in Griechenland. Einige der Gesprächspartner hatten schon „vor der Krise“ ein schweres Leben, erlebten Enttäuschungen im Beruf und in der Familie, aber der eigentliche Absturz erfolgte bei allen, nachdem sie in Folge „der Krise“ ihre Arbeitsplätze verloren hatten.

Die hier porträtierten Schicksale umfassen u.a.: Alleinerziehende Frauen, die unter großen Anstrengen versuchen, ihre Kinder hinreichend zu ernähren. Akademiker und andere gut ausgebildete Fachleute, die auf ein langes Berufsleben zurückblicken, und denen bestenfalls noch ihre Wohnung geblieben ist. Die Besitzerin eines Wäscheladens, die schließen musste, weil ihre Kunden kein Geld mehr zum Einkaufen hatten. Ein Restaurantbetreiber, der jahrzehntelang auf Inseln und Festland gut Geld verdiente und nun mit seinen Hunden am Strand in einem Wohnwagen ohne Wasser und Elektrizität lebt. Eine Großmutter, deren Kinder, weil sie selbst in prekären Verhältnissen leben, sie nur minimal unterstützen können. Sie alle rechnen vor, dass ihnen nach Abzug der Kosten für Elektrizität und Wasser sowie der Miete (oder der Steuern für ein Haus bzw. für eine Eigentumswohnung) nichts zum Leben bleibt. Aber selbst diese Kosten können die Befragten mehrheitlich nicht aufbringen. Sie beklagen die sich immer weiter öffnende Schere zwischen steigenden Preisen und Steuern bei gleichzeitigen Kürzungen von Gehältern und Renten. Ab und zu hilft ihnen ein Nachbar oder Freund oder ein Unbekannter. Ohne die Solidaritätsläden hätten etliche nichts zu essen. Viele sind depressiv.

Auf diesem Hintergrund würdigen sie um so mehr die Aufmerksamkeit und medizinische Versorgung, die sie in den Sozialen Kliniken von Freiwilligen erhalten. Sie staunen darüber und können es kaum fassen: „The fact that they come here and work for free is incredible“ (Anna M.)     

Abschließend möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Selbstdarstellungen der beiden zusätzlich zu Dr. Vichas einbezogenen Freiwilligen richten. Während viele der Patientinnen und Patienten bedingt durch Armut und Arbeitslosigkeit unter sozialer Einsamkeit leiden, entstand als eine Nebenfolge „der Krise“ im Umfeld eines mithelfenden Pädagogen eine größere Dichte in der Kommunikation: „We all have the same problems now and we have to fight against them and we have to find the solutions by and in ourselves. Not by waiting and waiting and waiting…. We`re getting closer to each other again. We visit each other at home. We do not spend money in coffee shops or bars anymore… We can speak up about our problems. We`re not ashamed of them anymore. Our communication has become better. It is more from heart to heart (Nikos A., seit 5 Jahren arbeitslos; unterrichtet Geflüchtete und engagiert sich in der Sozialen Klinik in Piräus).

Und eine Journalistin, die erst Patientin in Elliniko war, dann Freiwillige, beschreibt ihre Mithilfe als sinnstiftend „in der Krise“: „Being a volunteer at the Social Clinic of Elliniko really… helped me survive emotionally. … With my partner – another volunteer – I now coordinate a group of unemployed people, who are also patients. We try to encourage them to be able to make a change in their lives and start over“ (Amodini K., seit 2011 als Selbstständige ohne Einkünfte und ohne Krankenversicherung). Ihr Portrait enthält zusätzlich zu personenbezogenen Aussagen zahlreiche konkrete und eindrucksvolle Auskünfte über die Solidaritätsarbeit an Sozialen Kliniken, am Beispiel „Elliniko“.

Es sei Bernhard Hetzenauer gedankt, dass er Patienten und Freiwillige zum Sprechen gebracht hat. Die Berichte legen Zeugnisse ab von den Auswirkungen der Austeritätspolitik der EU gegenüber Griechenland, für die vor allen anderen Ländern Deutschland verantwortlich ist.

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