Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland

Einleitender Text des Positionspapiers von `Respekt für Griechenland´ zum Thema Kriegsschuld (März 2019)

Wir sind eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich in Griechenland in der Flüchtlingshilfe engagieren, dort Klimaschutzprojekte machen und Selbsthilfegruppen unterstützen. Durch unsere Zusammenarbeit mit Griechen wissen wir, wie fest unter einer beruhigten Oberfläche die Verbrechen von Deutschen im Zweiten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Zugleich mussten wir erkennen, wie beschämend gering die Bereitschaft Deutschlands war, Griechenland beim Aufbau seines zerstörten Landes zu helfen und die Leidtragenden zu entschädigen. „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“ weiterlesen

31.03.2019 Berlin, Eva Lichtspiele: Der Balkon, Wehrmachtsverbrechen in Griechenland

„Respekt für Griechenland e.V.“ und die Eva Lichtspiele laden ein:

Der Balkon
Wehrmachtsverbrechen in Griechenland
von Chrysanthos Konstantinidis

Griechenland 2018, 101 Min ,Original mit deutschen Untertiteln

Sonntag, den 31.3. 17:30 Uhr
Eva Lichtspiele Blissestraße 18, 10713 Berlin

„Nicht vergessen“ ist das Leitmotiv dieses eindrucksvollen Films!

Lyngiades, ein Dorf in Nord-Griechenland: wegen seiner wunderbaren Aussicht der „Balkon“ genannt. Doch die Idylle war Schauplatz eines Massakers, das hierzulande noch viel zu wenig bekannt ist: Am 3. Oktober 1943 ermordeten die deutschen Besatzer 82 Dorfbewohner und zerstörten fast alle Häuser.

Der Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus aus Bremen recherchierte und dokumentierte vor drei Jahrzehnten die Hintergründe dieses Verbrechens (s. sein Buch „Der Feuerrauch“). Jetzt führt er durch den Film. In diesem hören die Nachkriegsgenerationen am Ort, oft erstmalig, Erinnerungen von Überlebenden. Es sind Dokumente der Trauer vor dem Hintergrund eines kollektiven Traumas. Und es sind Einblicke in die unterlassene Aufarbeitung in Deutschland und in die verweigerte Wiedergutmachung.

Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es ein Gespräch mit dem Regisseur, Chrysanthos Konstantinidis, der aus Lyngiades stammt, und seinem Protagonisten, Christoph Schminck-Gustavus, auf dessen alten Ton- und Bildaufnahmen der Film weitgehend basiert.

Abschließend stellt der Verein „Respekt für Griechenland“ seine gerade begonnene Kampagne zu „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“ vor.

Unterstützung von Solidarität Piräus

Solidarität Piräus hat sich 2012 gegründet und kocht seit 2013 regelmäßig für Menschen, die in Not geraten sind. Inzwischen hat die Gruppe ihren Aktionsradius erheblich erweitert. Neben der Sozialen Küche entstanden eine alternative Schule, eine Möbelwerkstatt und vieles mehr. Durch eine eigene Währung, genannt Porto, werden Waren, ins. Nahrungsmittel, gegen Mitarbeit getauscht. „Unterstützung von Solidarität Piräus“ weiterlesen

Niels Kadritzke: Nachtrag zur Veranstaltung zur jüdischen Geschichte und Gegenwart in Thessaloniki

Die am 23.08.2018 stattgefundene Veranstaltung von „Heinrich Böll Stiftung-Büro Thessaloniki“ und „Respekt für Griechenland e.V.“ war ein Programmteil der „Europäischen Kulturtage 2018: Thessaloniki“ des Museums für Europäische Kulturen (9. August bis 9. September 2018) in Berlin-Dahlem zum Thema
„Salonica – Erinnerungen an das untergegangene „Jerusalem des Balkans“ Ein deutsch-griechischer Dialog über Vergessen, Verdrängen und Bearbeiten“

In diesem Zusammenhang steht der Beitrag „Das Jerusalem des Balkans“ von Niels Kadritzke, der am 06.10.1995 in „die tageszeitung“ (taz) veröffentlicht wurde. Im Folgenden geht der Autor in einer Vorbemerkung vom 26.08.2018 auf Entwicklungen ein, die sich seither ergeben haben und sich auf die verleugnete und wieder erinnerte jüdische Geschichte der Stadt Thessaloniki beziehen:

Vorbemerkung (26.08.2018)
von Niels Kadritzke zum Beitrag „Jerusalem des Balkans“ (06.10.1995)

Seitdem ich nachstehenden Text über das “a-semitische” Thessaloniki geschrieben habe, sind fast 23 Jahre vergangen. Damals hatte ich auch die Selbstdarstellung im Auge, die das ehemalige „Jerusalem des Balkans“ den auswärtigen Besuchern bieten würde, die zwei Jahre später die Europäische Kulturhauptstadt 1997 erkunden wollten. Im Oktober 1995 waren in der Ausstellungs- und Veranstaltungsplanung der Organisatoren lediglich Spurenelemente der jüdischen Geschichte Thessalonikis zu finden.

Das hat sich allerdings geändert. Deshalb muss ich diesem Text einige Bemerkungen voranstellen, die würdigen sollen, was seit 1995 geschehen ist. Dabei ist zunächst bemerkenswert, dass in die Planung für die Kulturhauptstadt doch noch ein Holocaust-Denkmal aufgenommen wurde, das knapp vor dem Ende des Jahres, nämlich am 23. November 1997 von Staatspräsident Stephanopoulos eingeweiht wurde. Die Skulptur des serbischen Künstlers Nandor Glid steht seit 2006 am Rand jenes „Freiheitsplatzes“, auf dem am 11. Juli 1942 die Demütigung und Vernichtung der Juden von Thessaloniki begonnen hat.

Ebenfalls im Jahr 1997 wurde die Planung des Jüdischen Museums von Thessaloniki beschlossen, das aus dem Kulturhauptstadt-Etat finanziert und im Mai 2001 eröffnet wurde. In diesem Museum, das auf Beständen des historischen Studienzentrums der jüdischen Gemeinde aufbaut, sind auch noch einige wenige Grabsteine zu sehen, die vom alten jüdischen Friedhof übrig geblieben sind.

Auf dem weitläufigen Gelände am Rand des Stadtzentrums, das bis 1943 mehr als 300 000 Gräbern Platz bot, befinden sich heute die Ausstellungshallen der Internationalen Messe von Thessaloniki und die Gebäude der Aristoteles-Universität. Doch bis vor wenigen Jahren war auf dem Uni-Campus kein einziger Hinweis auf den zerstörten jüdischen Friedhof zu finden, obwohl die Gehwege zwischen den Instituten zum Teil aus den alten Grabplatten bestanden. Die Rektoren der Aristoteles-Universität, die seit ihrer Gründung „500.000 Leichen im Keller“ hatte (wie Eberhard Rondholz einmal bitter vermerkt hat), weigerte sich jahrzehntelang, wenigstens eine kleine Gedenktafel auf dem Campus anzubringen.

Diese unfassliche Geschichsverleugnung, die von der jüdischen Gemeinde Thessalonikis als „Memozid“ empfunden wurde, ist seit dem 9. November 2014 Geschichte. An diesem Tag wurde eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den alten Jüdischen Friedhof eingeweiht. Dass dies endlich geschah, ist vor allem ein Verdienst des Bürgermeisters Yiannis Boutaris, der seit Januar 2011 im Amt und seitdem bemüht ist, die osmanische wie die jüdische Dimension der Geschichte Thessalonikis nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger bewusst und erfahrbar zu machen.

Wie entschieden, ja rücksichtslos sich Boutaris mit der Vergesslichkeit seiner Landsleute auseinandersetzt, demonstriert die Ansprache, die der Bürgermeister bei der Einweihung des Denkmals für den Jüdischen Friedhof auf dem Gelände der Aristoteles-Universität gehalten hat. Deshalb will ich diesen Vortext mit einem längeren Zitat aus der Rede beschließen, die Boutaris nicht zufällig am 9. November 2014 gehalten hat.

„Die Stadt Thessaloniki hat sich auf nicht zu rechtfertigende Weise sehr viel Zeit gelassen, um das Schweigen zu brechen und endlich der düstersten Phase ihrer Geschichte zu gedenken. Heute aber kann sie sagen, dass sie sich für dieses unberechtigte und sträfliche Schweigen schämt. Sich schämt für die Kollaborateure der Stadt, die mit den Okkupanten kooperiert haben, für die Nachbarn, die sich unrechtmäßig Besitztümer angeeignet haben, für diejenigen, die Mitmenschen denunziert haben, die zu fliehen versuchten.

Und vor allem schämt sie sich für die Verantwortlichen der Stadt: für den Bürgermeister und den Generalverwalter, die ohne weiteres einwilligten, dass städtische Arbeiter in einer Nacht 500 Jahre der Erinnerung zerstören und den größten jüdischen Friedhof Europas in eine Schädelstätte verwandeln konnten. Sie schämt sich für den Direktor des Archäologischen Dienstes, der mit Unverständnis reagierte, als sich die jüdische Gemeinde 1946 darüber beschwerte, dass man Grabsteine als Baumaterial für den Wiederaufbau der Kirche Ayios Dimitrios verwendet hat. Und sie schämt sich für diejenigen Universitätsrektoren, die nach dem Krieg die Gebäude der Universität neben und auf den zerstörten Gräbern errichtet haben, ohne auch nur eine Gedenktafel anzubringen.
Heute erkennen wir, dass der Verlust von 56 000 jüdischen Bürgern Thessalonikis ein Verlust für uns alle ist – für Christen, Juden und Muslime, für Atheisten und Agnostiker. Es ist ein Verlust für jene, die hier gelebt haben, aber auch für alle, die nach uns hier leben werden. Der Holocaust hat nicht nur die Vergangenheit unserer Stadt belastet, er hat uns –schlimmer noch – die Zukunft gestohlen. Wer wollte bezweifeln, dass Thessaloniki mit einer blühenden und kosmopolitischen jüdischen Gemeinde eine andere Stadt wäre?

Weil also dieser Verlust letzten Endes auch der unsere ist, ist das Gedenken an den Holocaust nicht nur eine Sache der jüdischen Gemeinde, sondern unser aller Sache. Er betrifft uns als Bürger Thessalonikis, als Griechen und als Europäer. Er stiftet eine neue Beziehung zu dieser Stadt und erweitert unseren Begriff von Menschlichkeit.

In diesem Sinn begrüßen wir heute die Entscheidung des Rektorats, die Erlaubnis für diese Gedenkstätte zu erteilen.“

Diese Sätze wären ein schönes, optimistisch stimmendes Gegenstück zu dem Text von 1995, der hier nachzulesen ist. Aber die griechische Realität von 2018 zwingt uns, dieses optimistische Bild zu relativieren. Am 20. Januar 2018 gingen in Thessaloniki etwa 100 000 empörte Bürger auf die Straße, um gegen ein geplantes Abkommen der Athener Regierung mit der Regierung in Skopje zu protestieren. Dabei waren immer wieder bösartige Parolen gegen den Bürgermeister Yiannis Boutaris zu hören. Denn der hat sich offen für eine Vereinbarung ausgesprochen, die dem nördlichen Nachbarn einen Namen „zugesteht“, der das Wort „Mazedonien“ enthält. Das aber ist für die große Mehrheit der Menschen im griechischen Teil Mazedoniens – und in Thessaloniki – ein Sakrileg: Für sie ist das Wort und der Begriff Mazedonien seit jeher und auf ewig „griechisch und allein griechisch“.

Bei dieser Demonstration führten faschistische Teilnehmer Plakate mit, auf denen Boutaris als „xeftila“ (etwa: käuflicher Lump) beschimpft und aufgefordert wurde: „Nimm dein Judenpack und hau ab!“ Ein anderes Plakat zeigte Boutaris bei der Grundsteinlegung für das Jüdische Museum, auf dem Foto hat er eine Kippa auf dem Kopf.
Dass es auch in Griechenland Faschisten mit antisemitischen Grundüberzeugungen gibt, ist keine Überraschung. Das Beunruhigende an solchen Episoden ist allerdings, dass die klein- und die gutbürgerlichen Patrioten, die sich über das Thema Mazedonien erregen können, die  Rassisten nicht aus ihren Reihen ausgrenzen und nach Hause schicken. Was wiederum auf eine Gefahr verweist, die wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Wo der Chauvinismus blüht, geht früher oder später die Saat des Antisemitismus auf.

Am 27. Juni dieses Jahres haben Unbekannte das Denkmal für die Holocaust-Opfer von Thessaloniki mit Farbe beschmiert. Kurz darauf verunstalteten geistesverwandte Täter das Denkmal auf dem Gelände der Aristoteles-Universität, das an den ehemaligen jüdischen Friedhof erinnert, mit blauer Farbe und übermalten die Gedenktafel mit einem Kreuz. Die Stadtverwaltung von Thessaloniki verurteilte diesen politischen Vandalismus mit dem Worten: „Die Schändung des Denkmals ist eine schimpfliche Attacke nicht nur auf das Gedenken unserer jüdischen Mitbürger, die im Holocaust umgekommen sind, sondern vor allem auf die kollektive Erinnerung und Geschichte der Stadt selbst.“

Niels Kadritzke / 26.08. 2018
Download: „Das Jerusalem des Balkans“ mit Vorbemerkung
(weitere Beiträge von Niels Kadritzke siehe

https://monde-diplomatique.de/blog-nachdenken-ueber-griechenland)

Spendenbitte für Flüchtlingshilfe in Griechenland

Wir entsenden Freiwillige nach Lesbos und nach Athen. Siehe Berichte und Fotos von Beteiligten (Stand Herbst 2017) http://xt.xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de

Volunteers for Lesvos: Seit Herbst 2015 haben wir ein wechselndes Team von jeweils 6-10 Freiwilligen auf Lesbos. Dort werden immer noch an die 8 000 Geflüchtete festgehalten, davon über 6000 im berüchtigten Hot Spot Moria. Dies Camp ist nach wie vor völlig überbelegt, auch wenn in den letzten Monaten auf Drängen von griechischen und anderen Menschenrechtsorganisationen eine größere Anzahl von „vulnerable cases“ (Härtfälle) auf Festland gebracht wurde. Seit Sommer 2017 kommen wieder vermehrt Schutzsuchende auf Lesbos an. Im März 2018 waren es an die 1500. Viele müssen in winzigen Campingzelten leben. In Moria fehlt es an allem, an ausreichender Ernährung, an sanitären Anlagen, an Kleidung, aber ebenso an Sprachmittlern, an Rechtsberatung zum Asylverfahren, an Krankenbetreuung, an freundlicher Aufmerksamkeit. Aus Verzweiflung kommt es zunehmend zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Aber auch in den besser ausgestatteten Unterkünften auf der Insel arbeiten „Volunteers for Lesvos“ mit. Das Team kooperiert vor Ort mit zahlreichen Gruppen und Einrichtungen der Flüchtlingshilfe. Schon häufig hat es gemeinsame Aktivitäten angeregt und koordiniert.  Projektbericht „Volunteers for Lesvos“  und  https://volunteersforlesvos.wordpress.com

Freiwillige für „Welcommon“ in Athen: Seit Herbst 2016 haben Freiwillige mitgeholfen, eine ehemalige Klinik in ein wegweisendes und viel beachtetes Wohnprojekt für Geflüchtete umzugestalten. Dort fanden vor allem „vulnerable cases“, sogenannte Härtefälle, eine gute Bleibe. Zu März 2018 aber haben UNHCR und die Stadt Athen kurzfristig die finanzielle Förderung eingestellt. Alle, auch die hilfsbedürftigen Bewohner, wurden inzwischen in Wohnungen eingewiesen. Ihre Proteste blieben ungehört. Hostel Welcommon stand vor dem Aus. Aber dessen Initiator und Leiter, Nikos Chrysogelos, und andere aus seinem Team geben nicht auf. Sie konzentrieren sich nunmehr auf die Integration von Geflüchteten in die Nachbarschaft. Einige der sieben Etagen wollen sie ab Mai bei bezahlter Mitarbeit von Geflüchteten als Hostel Welcommon für Touristen nutzen. Mit den Einnahmen hoffen sie im Gebäude ein kommunales Zentrum mit Projekträumen und Werkstätten für Geflüchtete, Migranten und Einheimische errichten zu können. Einer der Schwerpunkte wird die Berufsvorbereitung von arbeitslosen Jugendlichen sein. Freiwillige werden im Zentrum dringend gebraucht und gerne einbezogen. Deren Anleitung ist durch die Pädagogin Lizeta und die Sozialarbeiterin Vaso gewährleistet. Neuer Projektbericht „Freiwillige für Welcommon in Athen“

Finanzierung: Respekt für Griechenland e.V. erhält keinerlei öffentliche Förderung. Alle Freiwilligen arbeiten ehrenamtlich. Bei Bedarf übernimmt der Verein ganz oder teilweise die Kosten für Reise und Lebensunterhalt. Auf Lesbos müssen wir eine Wohnung und einen Leihwagen mieten. Hinzukommen  Kosten für Projektverwaltung und Öffentlichkeitsarbeit.

Herbert Nebel nebelherbert@t-online.de  0175 -296 88 73; Hilde Schramm hilde.schramm@respekt-für-griechenland.de 030/ 833 44 72; Sonja Laaser laaser.kultur@gmail.com; Claus Kittsteiner Claus.Kittsteiner@gmx.de; Ulfert Krahé  ulfkra1@freenet.de; Rotraut Bieg-Brentzel mailto:bieg.brentzel@gmx.de; Reinhard Feld reinhard.feld@respekt-für-griechenland.de; Ursula Herdt, Anja Schneider

Spendenkonto für Flüchtlingshilfe in Griechenland bei der GLS Bank
Kontoinhaber: Respekt für Griechenland e.V.
IBAN DE15 4306 0967 1175 7746 02,  BIC: GENO DE M 1 GLS
Steuernummer: 27/676/52054.
Spendenquittungen werden bei Angabe von Name und Anschrift am Jahresende ungefragt zugesandt.

Wahlprüfstein: Europäische Schulden- und Finanzpolitik

Forderungen der Initiative ‚Respekt für Griechenland‘ (RfG) zur Griechenland- und Europapolitik

>> Was Parteien zu diesem Thema sagen: Hier eine unvollständige Übersicht. <<

Die Finanz- und Eurokrise von 2008 haben in der Ära des Neoliberalismus das letzte Jahrzehnt hindurch vorgeführt wie das Verfahren funktioniert: Staaten werden vor dem Hintergrund ihrer krisenbedingten Überschuldung in finanzpolitische Notstände gedrängt, die durch weite Kredite temporär aufgehalten werden, die um den Preis gewährt werden, dass Sozialleistungen gekürzt, Unternehmenssteuern reduziert, öffentliche Unternehmen privatisiert werden. So auch in Griechenland, wo die Kreditbedingungen der Memoranden den Ausverkauf der materiellen Substanz des Landes fordern.

Durch das geldpolitische Instrument der quantitativen Lockerung hat die europäische Zentralbank („so viel Geld in Umlauf zu bringen wie notwendig ist“, sagt Mario Draghi) Geld geschöpft, um die Forderungen von Banken und Anleihegläubigern aus notleidenden Krediten und Investitionen zu erfüllen. Aber sie schöpft kein Geld zur Ankurbelung der Konjunktur in Europa. Im Gegenteil: Die Regierungen der Eurozone verfolgen eine Sparpolitik und opfern die Wirtschaft zugunsten von Gläubigerforderungen, denen sie Vorrang einräumen. Diese Kreditvergabe treibt zwar Preise für Immobilien, Aktien, Anleihen und Finanzinvestitionen in die Höhe, dient aber nicht zur Finanzierung von Sachinvestitionen, Arbeitsplätzen und Löhnen. Auf diese Weise wächst die Überschuldung der Wirtschaft.

Die Frage, vor der Europa heute steht, ist, ob der Finanzsektor oder die Realwirtschaft gerettet werden soll. Diese Frage ist inzwischen fast überall auf der Welt beantwortet: Zentralbanken retten den Finanzsektor und dessen gigantischen Bestand an Forderungen. Das bedeutet, sie sichern die finanziellen und Eigentumsansprüche des reichen 1 % der Bevölkerung gegen die verschuldeten 99 % ab.

Volkswirtschaftlich bedeutet das, dass die wachsenden Schulden gegenüber Banken und Anleihegläubigern nach und nach die Substanz der Wirtschaften aufzehren, so dass weniger Einkommen für Produktion und Konsum zur Verfügung steht. Im Fall von Griechenland beläuft sich die Verschuldung auf 180 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Um Schuldzinsen in Höhe von 5 % zahlen zu können, müsste Griechenland jährlich 9 % seines BIP aufwenden. Ein finanzieller Aderlass in dieser Größenordnung führt zur Schrumpfung der Binnenmärkte und damit der Beschäftigung sowie neuer produktiver Investitionen. Diese Dynamik lässt Vokswirtschaften verarmen und zerfallen, Einkommen und Vermögen geht an Gläubiger über.

Die Weigerung der Eurozone, besonders der deutschen, französischen und niederländischen Regierung, die eine strenge Sparpolitik befürworten, dem Wirtschaftswachstum Vorrang zu geben, droht diese auseinanderbrechen zu lassen.

Wenn Staaten Geld schöpfen können, um Kriege zu finanzieren oder den Finanzsektor zu retten, dann können sie auch Geld schöpfen, um es in die Wirtschaft zu pumpen und die Investitionstätigkeit sowie die Beschäftigung anzukurbeln.

Ein Schuldenerlass zur Konjunkturbelebung ist das wichtigste wirtschaftspolitische Gebot der Stunde für Europa, auch wenn Bankenlobbyisten und Anleihegläubiger behaupten, dies werde die Realwirtschaft in eine Krise stürzen.

Die von den Alliierten durchgeführte Währungsreform von 1948 strich alle inländischen Schulden, außer für Mindestgeschäftsguthaben von Banken und für Lohnschulden von Arbeitgebern. Das machte die deutsche Wirtschaft schuldenfrei. Das Ergebnis war das deutsche Wirtschaftswachstum.

Wir von der Initiative Respekt für Griechenland setzen uns ein für:

•    einen Stopp der Austeritätspolitik und für den Start eines Investitions- und Unterstützungsprogramms für Südeuropa;

•    eine Entschuldung Griechenlands;

•    eine aktive europäische Beschäftigungspolitk in Südeuropa mit dem Ziel des Abbaus der Arbeitslosigkeit und dabei speziell der Jugendarbeitslosigkeit;

•    die Einhaltung europäischer ökonomischer, sozialer und ökologischer  Standards;

•    ein angemessenes Rentenniveau;

•    eine Arbeitslosenversicherung;

•    die Wiederherstellung eines funktionierenden und allen zugängigen Gesundheitssystems;

•    starke Gewerkschaften und Selbstvertretungsorganisationen;

•    gleichen Lohn bei gleicher Arbeit an gleichen Orten;

•    Reformen der griechischen Verwaltung, der Wirtschaft-, Steuer- und Sozialversicherungsbehörden.

Berlin, September 2017
Reinhard Feld

Wahlprüfstein 2017: Flüchtlingspolitik

Vor dem Hintergrund  der aktuellen Situation der Flüchtlinge in Griechenland hält die Berliner Initiative „Respekt für Griechenland“ Veränderungen für dringend notwendig und fordert die politischen Entscheidungsträger auf deutscher und europäischer Ebene und die deutschen Parteien auf, sich für ihre Realisierung einzusetzen. Dabei beschränken wir uns auf den Aspekt Flüchtlinge in Griechenland, wohl wissend, dass dabei die vielfachen und überwiegend restriktiven und auf Abschreckung zielenden Regelungen für alle Flüchtlinge berücksichtigt werden müssten.
Forderungen der Initiative „Respekt für Griechenland“