{"id":7282,"date":"2026-09-16T21:33:14","date_gmt":"2026-09-16T19:33:14","guid":{"rendered":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=7282"},"modified":"2026-09-16T21:54:32","modified_gmt":"2026-09-16T19:54:32","slug":"griechenlands-wirtschaft-alles-in-butter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=7282","title":{"rendered":"Griechenlands Wirtschaft 2026 wieder im Aufwind?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Griechenland zahlt Kredite vorzeitig zur\u00fcck \u2013 also alles in Butter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bericht von Reiner Schiller-Dickhut<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Griechenland geht\u2019s wirtschaftlich gut \u2013 schreibt derzeit ein Gro\u00dfteil der deutschen Medien. Zuletzt Mitte August wurde vom vielen Medien die Nachricht verbreitet, dass Griechenland vorzeitig Kredite zur\u00fcckzahlt. Z. B. der seri\u00f6se Deutschlandfunk: \u201eWie das Finanzministerium in Athen mitteilte, sollen bis zum Jahresende rund 2,5 Mrd. \u20ac getilgt werden, die erst 2041 f\u00e4llig geworden w\u00e4ren. Bereits im Juni hatte der griechische Staat Kredite von rund 7 Mrd. \u20ac fr\u00fchzeitig zur\u00fcckgezahlt. Griechenland ist eines der EU-L\u00e4nder mit dem st\u00e4rksten Wirtschaftswachstum.\u201c Transportiert wurde diese Botschaft ferner von Agenturen wie der afp und dem \u201eHandelsblatt\u201c sowie diversen Wochenmagazinen und online-Medien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Darstellung des \u201eHandelsblatt\u201c vom 19. 8. 2026 sollen Schulden und Kredite in H\u00f6he von 13 Mrd. \u20ac bis zum Jahresende getilgt werden. \u201eAu\u00dferdem sollen 2,2 Mrd. \u20ac in die Tilgung einer Staatsanleihe flie\u00dfen und der Bestand kurzfristiger Staatsanleihen bis zum Jahresende um 1,2 Mrd. \u20ac reduziert werden:\u201c (Handelsblatt) Griechenland spart durch die vorzeitigen Tilgungen nach unterschiedlichen Angaben immerhin insgesamt knapp 800 Mio. \u20ac Zinsen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorzeitige R\u00fcckzahlung von Schulden passt v.a. in die Agenda konservativer Medien f\u00fcr die deutsche \u00d6ffentlichkeit: \u201eVon Athen lernen. Jetzt kann Griechenland Wirtschaft besser als Deutschland\u201c (so z.B. der Focus am 18.7. 2026). Der \u201eFocus\u201c begr\u00fc\u00dft es, dass im griechischen Haushalt bei Sozialleistungen gek\u00fcrzt wurde, und empfiehlt dieses auch f\u00fcr Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem folgenden Newsletter-Beitrag will ich versuchen zu ergr\u00fcnden, wie die \u00dcbersch\u00fcsse im griechischen Staatshaushalt zustande gekommen sind. Jetzt m\u00f6chte ich die aktuell vermittelte Botschaft hinterfragen, dass es Griechenland bzw. den Griechen jetzt finanziell gut geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ist es f\u00fcr den griechischen Finanzminister nat\u00fcrlich erfreulich, dass Kredite vorzeitig zur\u00fcckgezahlt werden konnten, weil dadurch Zinszahlungen entfallen.1 Entscheidend ist aber, was mit den verbleibenden Schulden ab dem Jahr 2033 passiert. Dann kommt der griechische Staat n\u00e4mlich in eine neue Phase der R\u00fcckzahlung der Schulden.<\/p>\n\n\n\n<p>2018 hatte die Euro-Gruppe Zinszahlungen und Tilgungen f\u00fcr Kredite aus dem zweiten Rettungspaket im Umfang von rund 96 Mrd. \u20ac bis Ende 2032 gestundet. Danach springt die Zinslast f\u00fcr Griechenland erheblich an: \u201eNach Berechnungen der staatlichen Schuldenagentur PDMA erh\u00f6hen sich die F\u00e4lligkeiten von rund 9 Mrd. \u20ac im Jahr 2032 auf etwa 17 Mrd. \u20ac im Jahr darauf. In den Jahren bis 2038 werden jeweils zwischen elf und 15 Mrd. \u20ac f\u00e4llig. Insgesamt summieren sich die F\u00e4lligkeiten zwischen 2033 und 2038 auf rund 77 Mrd. \u20ac. Das bedeutet: Innerhalb von nur sechs Jahren m\u00fcsste Griechenland mehr als ein F\u00fcnftel seiner heutigen Staatsschulden refinanzieren.\u201c (Gerd H\u00f6hler, in: Handelsblatt 16. 6. 2026) In den Jahren bis dahin stehen Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen europ\u00e4ischen Gl\u00e4ubigern \u00fcber Entlastungen an \u2013 wobei derzeit die Staaten der Eurogruppe wegen der verschiedenen Krisen selbst mehr Schulden anh\u00e4ufen und deshalb wenig Spielr\u00e4ume haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfolgsmeldungen \u00fcber die tollen griechischen Staatsfinanzen sind aus weiteren Gr\u00fcnden irref\u00fchrend. Bei den positiven Meldungen zum R\u00fcckgang der Staatsschulden wird meist das Jahr 2020 als Referenz herangezogen; dies ist aber f\u00fcr einen Vergleich ungeeignet bzw. verf\u00e4lschend, weil in diesem (und dem Folgejahr) der Staat durch die Corona-Krise besonders viel Ausgaben und weniger Einnahmen hatte. Ein weiterer sachlicher Fehler bei der pauschalen Botschaft \u201eDen Griechen geht\u2019s besser\u201c ergibt sich, wenn man die Verschuldung pro Kopf betrachtet; die ist n\u00e4mlich in den letzten Jahren gestiegen. Grund ist der deutliche Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang (teils bedingt durch den Wegzug ins Ausland), der wiederum teils auch Resultat der Finanzkrise ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und drittens ist an den Erfolgsmeldungen schr\u00e4g, dass das Wirtschaftswachstum in Griechenland (derzeit bei gut 2 %) teils gerade aus europ\u00e4ischen Finanzmitteln entspringt. So sagt es jedenfalls die EU-Kommission in einem aktuellen Bericht vom 21. Juni 2026.<em> (https:\/\/economy-finance.ec.europa.eu\/economic-surveillance-eu-member-states\/country-pages-including-country-reports\/greece\/economic-forecast-greece_en)<\/em>. Es geht dabei um einen Rekordzufluss an Griechenland aus der sog. Aufbau- und Resilienzfazilit\u00e4t, dem Kernst\u00fcck des EU-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU. Dieser wurde eingerichtet, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie zu bew\u00e4ltigen und EU-Mitgliedstaaten durch Reformen krisenfester zu machen. Die Kommission geht auch davon aus, dass sich das Wachstum 2027 in Griechenland wegen Auslaufen dieser Mittel verringern wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Aussagen in diesem Bericht der EU-Kommission zu Energiepreisen in Griechenland sind interessant: \u201eAllerdings d\u00fcrfte der Energiepreisschock das reale verf\u00fcgbare Einkommen der privaten Haushalte schm\u00e4lern.\u201c Die Kommission rechnet mit einem Anstieg der Inflation 2026 auf 3,7 %, v.a. durch stark gestiegene Energiepreise. Innerhalb der OECD hat Griechenland im ersten Quartal 2026 die schlechteste Entwicklung beim Pro Kopf-Einkommen, n\u00e4mlich minus 3,6 %, u. a. bedingt durch gestiegene Energiepreise (wir als Verein merken dies \u00fcbrigens an den Nebenkosten f\u00fcr die Wohnung auf Lesbos).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einkommen in Griechenland deutlich gesunken<\/strong><br>Kommen wir \u00fcberhaupt zur Einkommenssituation: Man kann es kaum glauben, aber nach verschiedenen Quellen ist das Realeinkommen derzeit deutlich niedriger als etwa im Jahr 2009, also vor der Krise. Der Griechenland-Korrespondent Gerd H\u00f6hler schrieb Anfang 2025:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer durchschnittliche Bruttolohn eines Vollzeitbesch\u00e4ftigten in der griechischen Privatwirtschaft betrug im Vorkrisenjahr 2009 1379 Euro. Heute sind es nur 1325 Euro. Inflationsbereinigt sind die Realeinkommen in Griechenland nach Angaben der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heute 23,7 Prozent niedriger als 2009. Nach Berechnungen von Eurostat ist die Kaufkraft der griechischen Haushalte zwischen 2013 und 2023 von 72 auf 67 Prozent des EU-Durchschnitts gesunken. In anderen armen L\u00e4ndern steigt die Kaufkraft im gleichen Zeitraum: in Polen von 67 auf 80, in Rum\u00e4nien von 55 auf 78 und in Bulgarien von 46 auf 64 Prozent des EU-Durchschnitts.\u201c <em>(https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/griechenland-warum-die-wirtschaft-boomt-aber-viele-menschen-aermer-werden\/100097021.html)<\/em>. Bei der Kaufkraft bildet Griechenland mit Bulgarien das Schlusslicht in der EU. Andere Quellen kommen zu \u00e4hnlichen Ergebnissen, z.B. die Taz <em>(https:\/\/taz.de\/Proteste-in-Griechenland\/!6048737\/<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erwerbslosigkeit<\/strong><br>Gegen\u00fcber den Krisenjahren ab 2010 ist die Erwerbslosigkeit inzwischen deutlich und sehr erfreulich gesunken. Aber f\u00fcr einige Gruppen gibt es auff\u00e4llig negative Werte. Griechenland hat die h\u00f6chste Quote bei der Langzeitarbeitslosigkeit in der ganzen EU, n\u00e4mlich 5%, was die EU-Kommission \u201eauf seit langem bestehende strukturelle Herausforderungen wie Qualifikationsl\u00fccken und unzureichende Betreuungsangebote f\u00fcr Kinder und \u00e4ltere Menschen\u201c zur\u00fcckf\u00fchrt (siehe obige Quelle zur EU-Kommission). Eine zukunftsgerichtete Wirtschaftspolitik w\u00fcrde sich dieser Probleme annehmen.<br>Interessant f\u00fcr die griechische Gesellschaft sind auch die Daten zur Erwerbslosigkeit, wenn mensch nach Bev\u00f6lkerungsgruppen differenziert: Im Vergleich zwischen Juni 2021 und Juni 2026 sank sie<br>\u2022 bei M\u00e4nnern von 11,7 auf 6,0 %<br>\u2022 bei Frauen von 19,4 auf 10,4 %<br>\u2022 bei Personen zwischen 15 und 24 Jahren von 34,3 auf 19,5 %<br>\u2022 bei Personen von 25 -74 Jahren von 14,2 auf 7,3 % %.<br><em>Quelle: https:\/\/www.statistics.gr\/en\/statistics\/-\/publication\/SJO02\/-<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bev\u00f6lkerungsentwicklung<\/strong><br>Griechenland hat 2025 eine Einwohnerzahl von 10,4 Mio,, soviel wie 1992. Danach war diese Zahl kontinuierlich an auf den H\u00f6hepunkt von 11,1 Mio. in den Jahren 2008 bis 2010 gestiegen; anschlie\u00dfend fiel die Zahl kontinuierlich auf den jetzigen Stand ab. Ohne Migration w\u00e4re der R\u00fcckgang noch gr\u00f6\u00dfer: Z. B. im Jahr 2024 sind \u2013 bei einem R\u00fcckgang von 2.200 Personen &#8211; 126.000 Griechinnen gestorben und knapp 69.000 geboren; kompensiert wurde dies durch Einwanderung von gut 55.000 Menschen. <br><em>(https:\/\/www.laenderdaten.info\/Europa\/Griechenland\/bevoelkerungswachstum.php) <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unterschiede zwischen den Regionen <\/strong><br><em>Kommen wir zum Ausgangspunkt zur\u00fcck: viele deutsche Berichterstatter<\/em>innen sehen die Entwicklung in Griechenland hinsichtlich Wirtschaft, Finanzen und Lebensbedingungen \u00fcberhaupt sehr positiv. Nun: wenn man sich haupts\u00e4chlich in Athen und Umgebung sowie auf prosperierenden Inseln aufh\u00e4lt, kann man zu dieser Wahrnehmung kommen. Wie auch f\u00fcr die meisten anderen Gesellschaften, muss mensch sich aber die Situation in einzelnen Regionen anschauen. Ich habe anhand einer offiziellen Seite der EU einige Indikatoren zu allen griechischen Regionen zusammengestellt. Beispielsweise ist in Attika das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (bezogen auf den EU-Durchschnitt) oder die Besch\u00e4ftigungsquote Jugendlicher doppelt so hoch wie im Epirus oder der n\u00f6rdlichen \u00c4g\u00e4is!<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"367\" class=\"wp-image-7281\" style=\"width: 600px;\" src=\"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/GR-Aug26-inbutterstat.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/GR-Aug26-inbutterstat.png 505w, https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/GR-Aug26-inbutterstat-300x184.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/p>\n\n\n\n<p><em>Quelle: https:\/\/eures.europa.eu\/living-and-working\/labour-market-information\/labour-market-information-greece_de<\/em><br><br>Hervorgehoben in gelb sind alle Regionen mit einem Bev\u00f6lkerungsanteil \u00fcber 5 %.<\/p>\n\n\n\n<p>Angef\u00fcgt sei noch, dass zu dieser krassen regionalen Ungleichverteilung eine ebensolche beim Einkommen hinzukommt: Von den Mitglieds-Staaten der EU hat Griechenland au\u00dfer den osteurop\u00e4ischen Staaten Bulgarien, Lettland und Litauen hat Griechenland die st\u00e4rkste Ungleichverteilung beim Einkommen (gemessen am sog. Gini-Koeffizienten) <br>(<em>Quelle: Wirtschaftskammer \u00d6sterreich und https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/942729\/umfrage\/ranking-der-eu-laender-nach-einkommensungleichheit-im-gini-index\/<\/em><br><br>Reiner Schiller-Dickhut<br>August 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechenland zahlt Kredite vorzeitig zur\u00fcck \u2013 also alles in Butter? Bericht von Reiner Schiller-Dickhut Griechenland geht\u2019s wirtschaftlich gut \u2013 schreibt derzeit ein Gro\u00dfteil der deutschen Medien. Zuletzt Mitte August wurde vom vielen Medien die Nachricht verbreitet, dass Griechenland vorzeitig Kredite zur\u00fcckzahlt. Z. 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