{"id":6023,"date":"2022-09-28T11:14:20","date_gmt":"2022-09-28T09:14:20","guid":{"rendered":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=6023"},"modified":"2022-12-22T15:34:37","modified_gmt":"2022-12-22T13:34:37","slug":"rezension-des-film-der-balkon-von-axel-suetterlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=6023","title":{"rendered":"Rezension des Films Der Balkon von Axel S\u00fctterlin"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><br \/><em><strong>Was sollst du dann noch sagen?<\/strong><\/em><br \/>Chrysanthos Konstantinidis hat das Schicksal seiner Heimat verfilmt<\/p>\n<p>Das Ereignis, um das es in Der Balkon (\u03a4\u03bf \u039c\u03c0\u03b1\u03bb\u03ba\u03cc\u03bd\u03b9) geht, liegt lange zur\u00fcck; es ist ein ganzes Menschenleben her, n\u00e4mlich beinahe 80 Jahre. Der Regisseur berichtet in einer dokumentarischen Reportage vom bitteren Untergang des Heimatdorfes seiner Familie w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges. Der Ort Lyngiades wurde am 3. Oktober 1943 durch deutsche Wehrmachtssoldaten ausgel\u00f6scht.<!--more--> Die verbliebenen Einwohner, vor allem Kinder und Alte, wurden ermordet, die H\u00e4user gepl\u00fcndert und angez\u00fcndet. Den direkten Angriff \u00fcberlebten nur 5 Einwohner, darunter ein 1 1\/2j\u00e4hriger Junge; weitere Einwohner entkamen dem Massaker, weil sie zur Ernte auf den Feldern waren. Das Verbrechen erfolgte auf h\u00f6chsten Befehl als Strafaktion der deutschen Besatzungstruppen gegen griechische Partisanen. Die Verantwortlichen sind nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Auf griechischem Boden finden sich viele M\u00e4rtyrerd\u00f6rfer, welche ein \u00e4hnliches Schicksal erlitten haben.<\/p>\n<p>Der Film ist im Jahre 2018 fertiggestellt worden; es liegt eine Originalversion von 101 min mit deutschen Untertiteln vor; f\u00fcr den Gebrauch in der Schule gibt es eine auf 43 min gek\u00fcrzte Version.<\/p>\n<p>Die Dokumentation ist kein Dokumentarfilm im eigentlichen Sinn. Die geschilderten Fakten stammen \u00fcberwiegend aus Interviews, welche der emeritierte Bremer Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus vor \u00fcber vierzig Jahren mit einem damals \u00fcblichen Kassettenrekorder aufgenommen hat. Der griechische Regisseur ist selbst betroffen und zeigt diese Betroffenheit in seinen Bildern. Wie ein veristisches Instrument sehen wir immer wieder den Rekorder, der die Zeugnisse aus vergangener Zeit enth\u00fcllt. Historische Originalaufnahmen erg\u00e4nzen die Schilderungen.<\/p>\n<p>Am Beginn betreten wir ein Schwarzbild, dessen Farbe uns unmittelbar in ein Nichts stellt \u2013 wir befinden uns im Ungewissen und k\u00f6nnen nicht ermessen, was als N\u00e4chstes kommt. Die Schilderungen, welche nun zu h\u00f6ren sind, stammen von den Kassetten, das Klicken des Abspielger\u00e4tes ist deutlich zu h\u00f6ren. Wir h\u00f6ren griechische Frauen, die das Schlimmste erz\u00e4hlen, was sie erlebt haben: Das Sterben der Kinder und Angeh\u00f6rigen. Weil wir keine Bilder sehen, steigen in uns die Bilder des Schreckens empor, in denen wir das Erz\u00e4hlte imaginieren. Die Schilderungen gehen in schrecklichste Einzelheiten, die uns nach Halt suchen lassen. Einzige Hilfe f\u00fcr uns ist der unerbittliche Untertext, der jedoch auch nur das erlebte Grauen der Stimmen nennen kann.<\/p>\n<p>Zeitzeugen und Kinder der Opfer schildern, wie sie die Teile der Ereignisse zu einem Gesamtbild brachten. Sie sind ersch\u00fcttert \u2013 bis auf den heutigen Tag. Sie haben ihr Leben in gro\u00dfen Entbehrungen gelebt, wissen irgendwie, dass die schlimmen Ereignisse aus der Zeit vor 80 Jahren im kollektiven Lebensged\u00e4chtnis erhalten sind.<\/p>\n<p>Unseren Ohren erscheinen die Worte \u2013 zumal aus dem Off gesprochen \u2013 wie eine Welt der Unglaublichkeiten; und doch vervollst\u00e4ndigt sich die Erz\u00e4hlung durch die Angaben der Nachkommen und insbesondere die wissenschaftlichen Ergebnisse jahrelanger Forschung, die Schminck-Gustavus als Gew\u00e4hrsmann vor der Kamera mitteilt. Immer wieder dringen Klagelaute aus vergangener Zeit zu uns, die Ereignisse setzen sich aus verschiedenen Perspektiven in den \u00c4u\u00dferungen auch bei uns zu einem Gesamtbild zusammen.<\/p>\n<p>Die filmische \u00c4sthetik verliert nie die Zuschauer: Die Kamera bleibt \u00fcberlang auf den Motiven der Landschaft stehen. Es ist die griechische Berglandschaft im Epirus \u2013 eine sch\u00f6ne Aussicht auf einen sch\u00f6nen See, die so gar nicht passen will zum Geh\u00f6rten, Gelesenen. Die Perfidie der T\u00e4ter hat auch anderswo diesen Zynismus erzeugt. Wie ein Balkon schwebt der Ort Lyngiades weit sichtbar \u00fcber dem Land und war zur Vernichtung ausgew\u00e4hlt, &#8222;um Panik zu verbreiten&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt f\u00fcr das Grauen der Taten keine Worte, die wir heute sprechen k\u00f6nnen. Die junge Frau im Alter einer Enkelin kann nur weinen beim Schicksal ihrer Vorfahren. Die direkten Opfer haben keine Tr\u00e4nen mehr, nach all\u2019 den Jahrzehnten. Auch ihre Wut und ihr Hass auf die Deutschen, den sie ehrlich \u00e4u\u00dfern, erklingt aus einer fremden Welt.<\/p>\n<p>Chrysanthos Konstantinidis verwebt die Bilder der Landschaft, die schweigend das Schicksal der Menschen tr\u00e4gt, mit Hilfe eines musikalischen Netzes aus einfachen Tonfolgen bis hin zum Volkslied, das unvermittelt erklingt, doch in der Instrumentierung reduziert ist auf wenige Klangk\u00f6rper. Die T\u00f6ne erg\u00e4nzen das im Bild Gesagte, nehmen uns an die Hand und f\u00fcllen die Gedankenwelt des Betrachters und H\u00f6rers aus. Wenn die Bilder stehenbleiben oder langsames Schwenken der Kamera einen statischen Effekt erzielt, haben wir die Chance, die schrecklichen Ereignisse zu erfahren. Es ist kein Wunder, dass die Bildaufnahmen aus der kalten Jahreszeit stammen; Buntes gibt es im Film nie. Bunt k\u00f6nnen die Opfer und ihre Nachkommen nicht mehr denken, denn bunt hei\u00dft farbenfroh. Der Ernst dieser Geschehnisse \u00fcbertr\u00e4gt sich von Generation auf Generation. Doch: &#8222;Rache? H\u00e4tte man mir einen Deutschen, der get\u00f6tet hatte, gebracht, vielleicht h\u00e4tte ich mich r\u00e4chen wollen. Aber wenn dein Vater meinen Vater get\u00f6tet hat, was kannst du jetzt daf\u00fcr?&#8220;<\/p>\n<p>Die j\u00fcdische Totenklage am Ende von De Sicas &#8222;Il giardino dei Finzi Contini&#8220; entlie\u00df vor 50 Jahren den Zuschauer mit einem enormen Schuldgef\u00fchl, einen Zuschauer, der Zeuge, Wissender der Taten sein konnte. Das hat Konstantinidis hier \u00fcberwunden; es geht nicht um eine Frage der Schuld. Die Schuldigen sind nicht mehr greifbar. Es gibt jedoch den einen sp\u00fcrbaren Fortschritt: Gleich dem Zuschauer antiker Trag\u00f6dien bleibt uns am Ende ein Zweigef\u00fchl. Die endlose Scham \u00fcber das Tun des eigenen Volkes mischt sich mit einer Kraft, selbst aktiv zu werden, um dem ungerechten Ungleichgewicht in den Biographien einen Ausgleich zu verschaffen. Sind die Lebensl\u00e4ufe gleich, so bleibt uns der Appell des &#8222;Nie Vergessens&#8220;.<br \/><br \/>Die vermeintlich Schuldige \u2013 eine junge Braut, zu deren Hochzeit die G\u00e4ste am Tag des Massakers zogen und die Ausl\u00f6ser des Angriffs der deutschen Wehrmacht gewesen sein sollten \u2013 hat ein hohes Alter erreicht, nach einem Leben gebrandmarkt als &#8222;Hexe&#8220;; die Dorfbewohner suchten sie f\u00f6rmlich als die Schuldige. Sie erf\u00e4hrt vom wirklichen Verlauf der schrecklichen Aktion und hofft: &#8222;Jetzt kann ich loslassen. Jetzt kann ich in Ruhe sterben.&#8220; Sie stirbt mit 100 Jahren; der Film nimmt sie mit, als ein gro\u00dfer Schwarm V\u00f6gel sich zur Ruhe in den H\u00f6hlen niederl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Balkon ist ein Film, den man nicht vergisst. Die Taten der M\u00f6rder d\u00fcrfen nicht vergessen werden; wir brauchen Hilfe, um zu verstehen, was, aber nicht warum es geschehen ist. Jede Form kriegerischer Auseinandersetzung ist falsch. Wir Menschen k\u00f6nnen nur leben, wenn wir den Anderen auch als Menschen behandeln.<\/p>\n<p>Axel S\u00fctterlin<br \/><br \/>Axel S\u00fctterlin, geboren 1958 in Heidelberg<br \/>Journalist und Gymnasiallehrer; Studium der Arch\u00e4ologie, Altphilologie und Filmwissenschaft in Heidelberg und Rom; Promotion mit der Arbeit Petronius Arbiter und Federico Fellini an der Universit\u00e4t Heidelberg (1995); seit 2007 am Gymnasium am Kaiserdom Speyer \u2013 F\u00e4cher: Latein, Griechisch, Italienisch, Europ\u00e4ische Kulturkunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,53],"tags":[],"class_list":["post-6023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutschekriegsschuld","category-kriegsschuld-oeffentlichkeitsarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6023"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6265,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6023\/revisions\/6265"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}