{"id":3326,"date":"2020-03-25T20:17:57","date_gmt":"2020-03-25T18:17:57","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=3326"},"modified":"2020-03-26T17:05:10","modified_gmt":"2020-03-26T15:05:10","slug":"rfg-aktion-zeltpaten-auf-lesbos-im-febr-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=3326","title":{"rendered":"Bericht \u00fcber die Aktion \u201aZeltpaten\u2018 auf Lesbos im Feb. 2020"},"content":{"rendered":"\n<p>Zur\u00fcck von meinem vierw\u00f6chigen Aufenthalt auf der \u00c4g\u00e4is-Insel Lesbos, auf der ich im Februar 2020 f\u00fcr die \u201aZeltpaten\u2018-Aktion unseres Vereins \u201aRespekt f\u00fcr Griechenland e.V.\u2018 t\u00e4tig war, hier ein Bericht \u00fcber das in dieser schlimmen Situation Erreichbare. Es ging bei der Aktion darum, unbegleiteten Kindern und Jugendlichen und Familien mit kleinen Kindern bei der Bew\u00e4ltigung ihres schwierigen Lager-Daseins beizustehen. Die Aktion haben viele Spenderinnen und Spender in k\u00fcrzester Zeit erm\u00f6glicht.<!--more--><\/p>\n<p>Allein reisende Jugendliche unter 18 Jahre und Kinder, die auf der Flucht von Schleusern von ihren Familienangeh\u00f6rigen getrennt wurden oder deren Eltern unterwegs gestorben sind, vegetieren zu Hunderten in den Olivenhainen um das Lager Moria herum, ohne Wasser und erreichbare Toiletten, unterern\u00e4hrt und oft krank. Viele schlafen nachts bei den immer mehr zu Brennholz zerhackten Olivenb\u00e4umen, zwischen M\u00fcll und Gestr\u00fcpp unter Plastikplanen oder in gro\u00dfen M\u00fclls\u00e4cken als Schlafsack. Nur wenige, meist M\u00e4dchen, kommen bei fremden Familien im Zelt unter.<\/p>\n<p>Die Minderj\u00e4hrigen werden zwar amtlich erfasst, sie bekommen ein Identit\u00e4tspapier mit Stempel, aber eben nicht wie die Erwachsenen die blaue Geldkarte des UNHCR mit 90 Euro f\u00fcr den Monat. Frauen und Kinder bekommen nur 50 Euro auf die Karte. Davon leben die Familien. Die Jugendlichen k\u00f6nnen sich t\u00e4glich eine Flasche Wasser holen, haben aber keine Geldkarten, auch gibt es Essen nur unregelm\u00e4\u00dfig und viel zu wenig. Der Zugang zur \u00f6ffentlichen Gesundheitsversorgung ist ihnen versperrt.<\/p>\n<p>Die regenfreien Tage verbrachte ich damit, im nicht ungef\u00e4hrlichen Alleingang im \u201aDschungel\u2018, wie die wilde Gegend zwischen Olivenhainen und M\u00fcllbergen genannt wird, jene unbegleiteten \u201aMinors\u2018 zu kontaktieren und Versorgungslisten mit Vornamen, Geburtsjahr, Kleider- und Schuhgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr meine Eink\u00e4ufe anzulegen. Wegen der Sprachbarrieren hatte ich zu englischsprachigen Lagerbewohnern Kontakte aufgebaut, die sich bereits seit l\u00e4ngerem sporadisch um die Minors im Gel\u00e4nde k\u00fcmmerten. \u00dcber diese \u00dcbersetzer konnte ich indirekt mit Jugendlichen, die nur Farsi oder Arabisch sprachen, \u00fcber ihre Lage kommunizieren.<\/p>\n<p>Meine aufw\u00e4ndigste T\u00e4tigkeit besonders in der ersten Zeit bestand darin, die LKW-Lieferungen zu organisieren, mit denen die von mir ausgesuchten Versorgungsmaterialien \u00fcber die F\u00e4hre vom Festland her\u00fcber gebracht wurden. Durch das vorhandene und w\u00f6chentlich nachwachsende Spendengeld war die Finanzierung gesichert f\u00fcr ger\u00e4umige Zelte, Decken, Schlafs\u00e4cke und Matten. Holzpaletten als vor Wasser und Matsch sch\u00fctzenden Untergrund f\u00fcr die Zelte gab es in der Umgebung zu kaufen.<\/p>\n<p>Zur Erg\u00e4nzung der verdeckten Einzelaktionen hatte ich fr\u00fchzeitig Treffen vereinbart mit NGOs,\u00a0die sich um die Versorgung von Gefl\u00fcchteten k\u00fcmmern. Drei davon zeigten sich interessiert an einer Zusammenarbeit: Eurorelief, eine christliche NGO, die in Moria das inside camp betreut, und das &#8218;team humanity&#8216; aus D\u00e4nemark, das mit seinem Warehouse, nur 100 m von Moria entfernt, auch die Bewohner der Au\u00dfenbereiche versorgt.<\/p>\n<p>Bei der dritten Einrichtung handelte es sich um &#8218;Mouvement on the ground&#8216; (MOTG) aus Holland. Sie haben das Gel\u00e4nde vor dem Hot Spot Moria gemietet und arbeiten dort mit \u201aBetter days\u2018 aus Holland und \u201aSyniparxi\u2018, einem aus Einheimischen bestehenden Verein zusammen.<\/p>\n<p>Mit der MOTG-Leiterin sa\u00df ich mehrfach beratend zusammen. Sie meinte nach zwei Wochen, es seien gerade einige Container mit Zelten und Schlafs\u00e4cken aus der Schweiz unterwegs. Zudem lebten die Familien vorzugsweise in aus Paletten selbst gezimmerten Bretterh\u00e4uschen mit Planen dar\u00fcber. Diese stehen in der Tat \u00fcberall. Es sieht aus wie ein riesiges Favela-Dorf, dazwischen Igloo-Zelte. Sie riet mir zu diesem Zeitpunkt davon ab, weitere Zelte als die f\u00fcnfzig bereits angeschafften zu kaufen, mit deren Verteilung und Aufbau ich \u00fcber die Wochen besch\u00e4ftigt war. Was viel dringender ben\u00f6tigt w\u00fcrde, sei Geld f\u00fcr Solaranlagen wegen der dauernd ausfallenden Stromversorgung f\u00fcr das Gel\u00e4nde mit den Familien-Wohnh\u00fctten. Da die Zielgruppe unserer Zeltpaten-Aktion jedoch haupts\u00e4chlich die \u201aMinors\u2018 waren, einigten wir uns auf die finanzielle Beteiligung an der Ausstattung von 1000 Versorgungspaketen, die gemeinsam von MOTG, Better days und Syniparxi f\u00fcr Jugendliche bereit gestellt werden. Sie enthalten u.a. Solar-LED-Lampen mit Handyladem\u00f6glichkeiten, n\u00f6tig auch f\u00fcr den Selbstschutz bei Dunkelheit in dem unsicheren Gel\u00e4nde und als Zelt-Innenbeleuchtung ohne teure Batterien.<\/p>\n<p>Auf besonderes und freudiges Interesse stie\u00dfen die gro\u00dfen Zelte f\u00fcr 5-6-Personen mit abtrennbarem Wohnraum, bei deren Aufbau ich selbst \u00f6fters helfen musste. Ihre H\u00f6he von 1.95 m macht das Aufrechtstehen im Inneren m\u00f6glich und sie bieten gen\u00fcgend Platz f\u00fcr ein ertr\u00e4gliches und gesch\u00fctztes Zusammensein gerade bei schlechtem Wetter. Zusammen mit den gespendeten Schlafs\u00e4cken, Decken und Matten boten sie f\u00fcr die Jugendlichen und auch f\u00fcr junge Familien mit kleinen Kindern eine weit bessere Wohnsituation als die z.T. vorhandenen viel zu engen, zu niedrigen und meist undichten Igloo-Sommerzelte, dazu mit 4-5 Personen oft v\u00f6llig \u00fcberbesetzt.<\/p>\n<p>Wichtig war auch, so wurde mir vor Ort nicht nur angesichts der weit verbreiteten starken Erk\u00e4ltungskrankheiten deutlich, die Versorgung der Menschen mit wintertauglichem Schuhwerk. Viele der Bewohner hatten bei der K\u00e4lte nichts als Flipflops, Plastik-Sommersandalen an ihren nackten F\u00fc\u00dfen. Durch Preisverhandlungen und g\u00fcnstige Eink\u00e4ufe mit Mengenrabatt konnte ich viele der Jugendlichen und Kinder mit Socken und Schuhen, die ihnen passten und ihnen gefielen, ausstatten.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Not bzgl. winterfestem Schuhwerk war, erfuhr ich an einem Tag, als ich 50 Paar gerade gekaufte Schuhe im Auto hatte zur gezielten Verteilung an die Minors im \u201aDschungel\u2018. Beim Einparken am Stacheldrahtzaun von Moria sahen Kinder die Schuhe durchs Autofenster. Gef\u00fchlt 30 Menschen jeden Alters st\u00fcrmten daraufhin mein Auto, selbst das Autodach. Gottlob gab es innen einen Knopf f\u00fcr die schnelle Verriegelung der T\u00fcren. Alle wollten an die Schuhe, es wurde richtig bedrohlich f\u00fcr mich und das geliehene Auto, es blieb mir nur die Flucht. Am n\u00e4chsten Tag steckte ich die Schuhe in schwarze M\u00fclls\u00e4cke und brachte sie dezent zu den Jugendlichen ins Gel\u00e4nde zur Verteilung.<\/p>\n<p>Fast t\u00e4glich traf ich auf unerwartete Situationen. Einer Familie wurde nachts das Zelt aufgeschlitzt, alle Personaldokumente, s\u00e4mtliches Geld und das f\u00fcr die Kommunikation mit den Verwandten wichtige Handy waren gestohlen worden. Damit sie wenigstens Essen kaufen konnten, steckte ich dem Vater Geld zu. Auch andere Familien, mit deren Notlage ich mich pers\u00f6nlich konfrontiert sah, unterst\u00fctzte ich spontan mit Geld f\u00fcr Windeln, Binden, Medikamente etc. Immer mit dem Gef\u00fchl, dass es nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein ist. Die dankbaren Augen, manches Mal voll Tr\u00e4nen und die Freundlichkeit dieser Menschen trotz allen Elends waren mir ein Trost. Ich empfand mich dabei als Br\u00fccke zwischen unserem Wohlstand und ihrer Not \u2013 mit dem Gef\u00fchl eigener Hilflosigkeit, dann alle dort sind ja arm.<\/p>\n<p>Die Situation auf Lesbos und den anderen Inseln in T\u00fcrkei-N\u00e4he \u00e4nderte sich schlagartig am Tag vor meiner R\u00fcckkehr nach Deutschland am 28.Februar. Gewaltszenen gegen Gefl\u00fcchtete, gegen Volunteers, NGOs und internationale Journalisten h\u00e4uften sich innerhalb einer Woche, das Schulzentrum von \u201aOne happy family\u2018 und eine UNHCR-Registrierungsstelle wurden niedergebrannt. Vollbesetzte Mietwagen von NGOs wurden schwer besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Die lange \u00fcberwiegend freundliche Stimmung auf der Insel war gekippt, konkret veranlasst durch den Athener Regierungsplan, auf den Inseln geschlossene Lager einzurichten, zus\u00e4tzlich zu den vorhandenen. Die Reaktionen in der Bev\u00f6lkerung waren heftig. Die Gefl\u00fcchteten und ihre Helfer wurden von Rechtsradikalen k\u00f6rperlich bedroht und angegriffen. Die Fl\u00fcchtlinge h\u00f6rten nicht mehr \u201awelcome\u2018, sondern \u201averschwindet\u2018, \u201akehrt um\u2018, \u201ableibt drau\u00dfen\u2018. Nichts anderes signalisiert die EU. Griechenland als \u201eSchutzschild von Europa\u201c wird nicht daran gehindert, bewaffnetes Milit\u00e4r und Polizei an der Au\u00dfengrenze einzusetzen und das Asylrecht auszusetzen, ein klarer Versto\u00df gegen internationales Recht. All das stimmt inhaltlich mit den Zielen der griechischen \u201eSturmabteilungen\u201c (Tagma Efodou) und herangereisten rechtsradikalen \u201aPatrioten\u2018 \u00fcberein, man geht quasi arbeitsteilig vor.<\/p>\n<p>Die Corona-Krise tat ein \u00dcbriges. Humanit\u00e4re Organisationen bereiten sich auf einen Ausbruch der Epidemie im syrischen Idlib und auf Lesbos vor. Viele notwendige Ma\u00dfnahmen lassen sich aber gar nicht umsetzen. Auf den griechischen Inseln sind die Inselspit\u00e4ler\u00a0f\u00fcr die Versorgung der Lagerbewohner zust\u00e4ndig, bereits heute sind sie aber vollkommen \u00fcberlastet. Auf Samos, wo das Lager unmittelbar an den Hauptort der Insel angrenzt, gibt es Ger\u00fcchte, dass die Gefl\u00fcchteten\u00a0in die neue geschlossene Containersiedlung im Hinterland zwangsumgesiedelt werden. Damit w\u00fcrde der Ansteckungskontakt zur Lokalbev\u00f6lkerung eingeschr\u00e4nkt, so hofft man.<\/p>\n<p>Auch anderswo in der EU will man die Lagerbewohner in Corona-Zeiten m\u00f6glichst von sich fernhalten. Die Evakuation der 1600 unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen auf den f\u00fcnf Inseln, zu der sich Deutschland und einige andere Staaten bereit erkl\u00e4rt hatten, wurde vorerst auf Eis gelegt. Auch das Uno-Fl\u00fcchtlingshilfswerk hat sein Umsiedlungsprogramm f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vor\u00fcbergehend eingestellt, und das trotz der Forderung von \u201aMediziner ohne Grenzen\u2018 und anderen Organisationen, die Lager in der \u00c4g\u00e4is wegen der Corona-Gefahr rechtzeitig zu evakuieren.<\/p>\n<p>Ab 23.3.20 herrscht weitgehende Ausgangssperre, in den Lagern und im Land.<\/p>\n<p>Die internationalen Helfer*innen sind gr\u00f6\u00dftenteils abgereist, hei\u00dft es. Unser Team \u201eVolunteers for Lesvos\u201c von \u201aRespekt f\u00fcr Griechenland\u2018 will jedoch vor Ort bleiben. Aber niemand wei\u00df, was demn\u00e4chst sein wird.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend an alle, die an \u201aRespekt f\u00fcr Griechenland\u2018 gespendet haben, ganz herzlichen Dank! Die Spenden wurden direkt zum Wohle all derer verwendet, die ich auf Lesbos mit unserer \u201aZeltpaten\u2018-Aktion entsprechend unserer Zielsetzung erreichen konnte.<\/p>\n<p>Claus Kittsteiner <a href=\"http:\/\/www.clauskittsteiner.wordpress.com\">www.clauskittsteiner.wordpress.com<\/a> (Lesbos-Hilfe) <a href=\"mailto:c.k.info@gmx.de\">c.k.info@gmx.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[45,46],"tags":[],"class_list":["post-3326","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fluechtlinge","category-fluechtlingsarbeit-auf-lesbos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3326"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3398,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3326\/revisions\/3398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}