{"id":2380,"date":"2018-11-19T22:19:21","date_gmt":"2018-11-19T20:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=2380"},"modified":"2019-08-24T17:06:59","modified_gmt":"2019-08-24T15:06:59","slug":"vorwort-zu-bernhard-hetzenauer-faces-of-athens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=2380","title":{"rendered":"Vorwort von Hilde Schramm zu Bernhard Hetzenauers \u201eFaces of Athens\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Portraits von Patienten und Freiwilligen in Sozialkliniken in und bei Athen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In Griechenland entstanden seit 2011 landesweit an die 500 sozialmedi-zinische Einrichtungen, in denen Patienten, die keine Krankenversicherung haben, kostenlos beraten und behandelt werden. Sie sind eine Antwort auf \u201edie Krise\u201c- wie die Griechen abgek\u00fcrzt sagen -,in deren Verlauf mehrmals der Staatsbankrott drohte und weite Teile der griechischen Bev\u00f6lkerung in soziales Elend absanken.<!--more--><\/p>\n<p>Im Ma\u00dfe wie Arbeitslosigkeit und Armut zunahmen, stieg die Anzahl derer, die aus der \u00f6ffentlichen Krankenversorgung heraus fielen. Zur Erkl\u00e4rung: In Griechenland ist die Kosten\u00fcbernahme im \u00f6ffentlichen Gesundheitsweisen in der Regel an die Erwerbst\u00e4tigkeit gebunden. Wer die Arbeit verliert, verliert auch die Krankenversicherung. Die Folge ist, dass kranke Menschen weder in bestehenden Kliniken noch von niedergelassenen \u00c4rzten behandelt werden, es sei denn sie k\u00f6nnen die Rechnungen im Voraus privat bezahlen. Dieser Misstand wurde in \u201eder Krise\u201c besonders virulent, denn er traf zusammen mit kurzsichtigen Einsparungen von fast 45 % im Gesundheitsbereich, zu denen die griechischen Regierungen unter den Ministerpr\u00e4senten Papandreou, Samaras und Tsipras von der EU gezwungen wurden. Unbestreitbar ist, dass es einen Reformstau in Griechenland gab. Unbestreitbar ist aber auch, dass die Sparauflagen ohne gleichzeitige nachhaltige Investitionsprogramme zu einer Rezession f\u00fchren mussten, die bei einem sowieso nur schwach entwickelten Sozialstaat mitleidslos das Leben vieler Menschen in Griechenland zerst\u00f6rte.<\/p>\n<p>Angesichts des weitgehenden Zusammenbruchs der \u00f6ffentlichen Krankenversorgung gr\u00fcndeten \u00c4rzte und Apotheker gemeinsam mit engagierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern Sozialkliniken und Soziale Arztpraxen in Verbindung mit sozialen Apotheken. Dort arbeiteten in den letzten acht Jahren hunderte von \u00c4rzten, Krankenschwestern, Sozialarbeitern, Verwaltungskr\u00e4ften und Handwerkern &#8211; neben ihrer sonstigen Erwerbsarbeit, ohne Bezahlung, als Freiwillige. Sie wurden und werden unterst\u00fctzt von weiteren Freiwilligen aus allen Teilen der Bev\u00f6lkerung, die h\u00e4ufig ihre Stellen verloren hatten und selbst in Armut abgeglitten waren. Alle diese Frauen und M\u00e4nner verstanden und verstehen sich als Teil einer politischen Solidarit\u00e4tsbewegung. Sie wollen nicht nur vielen einzelnen, die in Not geraten sind, helfen, sondern die griechische Politik und das griechische Sozial- und Gesundheitssystem grundlegend ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>\u201eFaces of Athens\u201c enth\u00e4lt Portraits in Monologform von neunzehn Patienten und drei Freiwilligen. Den Portraits liegen Gespr\u00e4che zugrunde, die Bernhard Hetzenauer \u00fcberwiegend in der Sozialklinik Elliniko im S\u00fcden Athens, aber auch in zwei \u201eSozialen Arztpraxen und Apotheken\u201c (KIFA) in Pir\u00e4us und am Omoniaplatz im Zentrum Athens f\u00fchrte. Das war im Fr\u00fchjahr 2016. Es sind historische Dokumente aus dem Zenit \u201eder Krise\u201c. Aber wer sich mit Griechenland besch\u00e4ftigt, wei\u00df, dass das soziale Elend trotz gewisser Erleichterungen anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Hetzenauers prominentester Gespr\u00e4chspartner ist Dr. Giorgos Vichas, ein angesehener Kardiologe in Athen. Zwei Beitr\u00e4ge von ihm, ein erster Text am Anfang und ein zweiter Text am Schluss des Buches, bilden die Klammern f\u00fcr die anderen Lebensgeschichten. Von ihm ging der Impuls zur Gr\u00fcndung der \u201eMetropolitan Community Clinic at Helliniko\u201c aus. \u00dcber die Anregungen, die er erhielt, und seine Motive berichtet er in seinem zweiten Text.<\/p>\n<p>Die Sozialklinik Elliniko \u00f6ffnete ihre Tore im Dezember 2011 als eine der allerersten in Griechenland und entwickelte sich zu einer der gr\u00f6\u00dften und bekanntesten im Land. \u00dcber 7 000 Patienten wurden dort bislang (Stand Okt. 2018) bei ca. 60.000 Terminen beraten und behandelt.<\/p>\n<p>Woher nimmt jemand wie Giorgos Vichas seine anhaltende Einsatzbereitschaft? Seine Erkl\u00e4rung lautet: \u201eWhen you are on the frontline fighting every day, you feel that you are doing something and this activity fills you with power. That power helps you deal with the challenges better. So I would say that I benefited form my work at the clinic with regards to how I experienced the crisis\u201c.<\/p>\n<p>Eines seiner Themen ist, warum einzelne, kleine Verbesserungen so wenig n\u00fctzen: Zwar hat die Syriza Regierung seit kurzem ein Gesetz erlassen, dem gem\u00e4\u00df Personen auch ohne Krankenversicherung in Kliniken behandelt werden m\u00fcssen, und zwar kostenlos. Aber die Einkommensobergrenze f\u00fcr die Beg\u00fcnstigen wurde mit 2400 \u20ac im Jahr f\u00fcr eine Person, bzw. 6.300 \u20ac f\u00fcr eine dreik\u00f6pfige Familie, so extrem niedrig angesetzt, dass faktisch die meisten nicht- versicherten Patienten dennoch keinen freien Zugang zu den Kliniken haben. Zudem sind, wie Vichas eindringlich beschreibt, die staatlichen Kliniken in einer so desolaten Situation, dass sie die Kranken nicht hinreichend versorgen k\u00f6nnen. Patienten bekommen keine Termine. Es fehlt an \u00c4rzten, weil freiwerdende Stellen eingespart wurden. In vielen Regionen gibt es keine Fach\u00e4rzte mehr. Moderne Operationsmethoden entfallen wegen fehlender Instrumente. Die Ausstattung ist so mangelhaft, dass die Sozialklinik Elliniko von staatlichen Krankenh\u00e4usern gebeten wird, ihnen medizinische Hilfsmittel und Medikamente abzugeben, die sie selbst als Sachspenden erhalten haben: \u201eOver the past ten days, we\u00a0 have given about 250 boxes of supplies to public hospitals. The hospitals ask for these. They call us.\u201c Die M\u00e4ngel verl\u00e4ngern, vermehren und verschlimmern die Krankheiten in der Bev\u00f6lkerung und erzeugen dadurch h\u00f6here Kosten f\u00fcr den Staat. \u201eMy message is, that austerity in health kills both, people and economy\u201c (Giorgos V.).<\/p>\n<p>Sein Entsetzen \u00fcber die inhumane Austerit\u00e4tspolitik der EU unterlegt Vichas mit Statistiken und eigenen Beobachtungen aus dem Gesundheitsbereich. Ein imagin\u00e4res Zwiegespr\u00e4ch mit Merkel und Sch\u00e4uble endet mit der Frage: \u201eWho authorized you to destroy people because they are in debt, debt they haven`t even caused themselves?\u201c.<\/p>\n<p>Die Portraits von 19 Patienten, 11 Frauen und 8 M\u00e4nnern, konkretisieren und veranschaulichen das Elend kranker und arbeitsloser Menschen in Griechenland. Alle Patienten sind, abgesehen von drei Frauen um 40, zwischen 51 bis 67 Jahre alt. Da die lebensgeschichtlichen Gespr\u00e4che bis in die jeweilige Kindheit zur\u00fcckreichen, erfahren wir interessante Einzelheiten \u00fcber unterschiedliche Lebensbedingungen in den zur\u00fcckliegenden Jahrzehnten in Griechenland. Einige der Gespr\u00e4chspartner hatten schon \u201evor der Krise\u201c ein schweres Leben, erlebten Entt\u00e4uschungen im Beruf und in der Familie, aber der eigentliche Absturz erfolgte bei allen<strong>, <\/strong>nachdem sie in Folge \u201eder Krise\u201c ihre Arbeitspl\u00e4tze verloren hatten.<\/p>\n<p>Die hier portr\u00e4tierten Schicksale umfassen u.a.: Alleinerziehende Frauen, die unter gro\u00dfen Anstrengen versuchen, ihre Kinder hinreichend zu ern\u00e4hren. Akademiker und andere gut ausgebildete Fachleute, die auf ein langes Berufsleben zur\u00fcckblicken, und denen bestenfalls noch ihre Wohnung geblieben ist. Die Besitzerin eines W\u00e4scheladens, die schlie\u00dfen musste, weil ihre Kunden kein Geld mehr zum Einkaufen hatten. Ein Restaurantbetreiber, der jahrzehntelang auf Inseln und Festland gut Geld verdiente und nun mit seinen Hunden am Strand in einem Wohnwagen ohne Wasser und Elektrizit\u00e4t lebt. Eine Gro\u00dfmutter, deren Kinder, weil sie selbst in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen leben, sie nur minimal unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Sie alle rechnen vor, dass ihnen nach Abzug der Kosten f\u00fcr Elektrizit\u00e4t und Wasser sowie der Miete (oder der Steuern f\u00fcr ein Haus bzw. f\u00fcr eine Eigentumswohnung) nichts zum Leben bleibt. Aber selbst diese Kosten k\u00f6nnen die Befragten mehrheitlich nicht aufbringen. Sie beklagen die sich immer weiter \u00f6ffnende Schere zwischen steigenden Preisen und Steuern bei gleichzeitigen K\u00fcrzungen von Geh\u00e4ltern und Renten. Ab und zu hilft ihnen ein Nachbar oder Freund oder ein Unbekannter. Ohne die Solidarit\u00e4tsl\u00e4den h\u00e4tten etliche nichts zu essen. Viele sind depressiv.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund w\u00fcrdigen sie um so mehr die Aufmerksamkeit und medizinische Versorgung, die sie in den Sozialen Kliniken von Freiwilligen erhalten. Sie staunen dar\u00fcber und k\u00f6nnen es kaum fassen: \u201eThe fact that they come here and work for free is incredible\u201c (Anna M.)<span style=\"text-decoration: line-through;\"> \u00a0\u00a0\u00a0<\/span><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich die Aufmerksamkeit auf die Selbstdarstellungen der beiden zus\u00e4tzlich zu Dr. Vichas einbezogenen Freiwilligen richten. W\u00e4hrend viele der Patientinnen und Patienten bedingt durch Armut und Arbeitslosigkeit unter sozialer Einsamkeit leiden, entstand als eine Nebenfolge \u201eder Krise\u201c im Umfeld eines mithelfenden P\u00e4dagogen eine gr\u00f6\u00dfere Dichte in der Kommunikation: \u201eWe all have the same problems now and we have to fight against them and we have to find the solutions by and in ourselves. Not by waiting and waiting and waiting&#8230;. We`re getting closer to each other again. We visit each other at home. We do not spend money in coffee shops or bars anymore&#8230; We can speak up about our problems. We`re not ashamed of them anymore. Our communication has become better. It is more from heart to heart (Nikos A., seit 5 Jahren arbeitslos; unterrichtet Gefl\u00fcchtete und engagiert sich in der Sozialen Klinik in Pir\u00e4us).<\/p>\n<p>Und eine Journalistin, die erst Patientin in Elliniko war, dann Freiwillige, beschreibt ihre Mithilfe als sinnstiftend \u201ein der Krise\u201c: \u201eBeing a volunteer at the Social Clinic of Elliniko really&#8230; helped me survive emotionally. &#8230; With my partner \u2013 another volunteer \u2013 I now coordinate a group of unemployed people, who are also patients. We try to encourage them to be able to make a change in their lives and start over\u201c (Amodini K., seit 2011 als Selbstst\u00e4ndige ohne Eink\u00fcnfte und ohne Krankenversicherung). Ihr Portrait enth\u00e4lt zus\u00e4tzlich zu personenbezogenen Aussagen zahlreiche konkrete und eindrucksvolle Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Solidarit\u00e4tsarbeit an Sozialen Kliniken, am Beispiel \u201eElliniko\u201c.<\/p>\n<p>Es sei Bernhard Hetzenauer gedankt, dass er Patienten und Freiwillige zum Sprechen gebracht hat. Die Berichte legen Zeugnisse ab von den Auswirkungen der Austerit\u00e4tspolitik der EU gegen\u00fcber Griechenland, f\u00fcr die vor allen anderen L\u00e4ndern Deutschland verantwortlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>FACES OF ATHENS<br \/>\nBernhard Hetzenauer<br \/>\nRevolver Publishing, Berlin, 2018\/19<br \/>\n336 pages, 17 x 20 cm, softcover, English<br \/>\nISBN 978-3-95763-433-7<br \/>\n45 EUR plus shipping<br \/>\nprice valid until 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Portraits von Patienten und Freiwilligen in Sozialkliniken in und bei Athen \u00a0In Griechenland entstanden seit 2011 landesweit an die 500 sozialmedi-zinische Einrichtungen, in denen Patienten, die keine Krankenversicherung haben, kostenlos beraten und behandelt werden. 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