{"id":2341,"date":"2018-09-01T17:57:05","date_gmt":"2018-09-01T15:57:05","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=2341"},"modified":"2021-06-09T18:05:54","modified_gmt":"2021-06-09T16:05:54","slug":"nils-kadritzke-nachtrag-zur-veranstaltung-zur-juedischen-geschichte-und-gegenwart-in-thessaloniki-am-23-08-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=2341","title":{"rendered":"Niels Kadritzke: Nachtrag zur Veranstaltung zur j\u00fcdischen Geschichte und Gegenwart in Thessaloniki"},"content":{"rendered":"<p>Die am <a href=\"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?p=2312\">23.08.2018 stattgefundene Veranstaltung<\/a> von \u201eHeinrich B\u00f6ll Stiftung-B\u00fcro Thessaloniki\u201c und \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland e.V.\u201c war ein Programmteil der \u201eEurop\u00e4ischen Kulturtage 2018: Thessaloniki\u201c des Museums f\u00fcr Europ\u00e4ische Kulturen (9. August bis 9. September 2018) in Berlin-Dahlem zum Thema<br \/>\n<strong>&#8222;Salonica \u2013 Erinnerungen an das untergegangene \u201eJerusalem des Balkans\u201c <\/strong><strong>Ein deutsch-griechischer Dialog \u00fcber Vergessen, Verdr\u00e4ngen und Bearbeiten&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang steht der Beitrag &#8222;Das Jerusalem des Balkans&#8220; von Niels Kadritzke, der am 06.10.1995 in &#8222;die tageszeitung&#8220; (taz) ver\u00f6ffentlicht wurde. Im Folgenden geht der Autor in einer Vorbemerkung vom 26.08.2018 auf Entwicklungen ein, die sich seither ergeben haben und sich auf die verleugnete und wieder erinnerte j\u00fcdische Geschichte der Stadt Thessaloniki beziehen:<!--more--><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-size: 14pt;\">Vorbemerkung (26.08.2018)<\/span><br \/>\n<\/strong>von Niels Kadritzke zum Beitrag &#8222;Jerusalem des Balkans&#8220; (06.10.1995)<\/p>\n<p>Seitdem ich nachstehenden Text \u00fcber das \u201ca-semitische\u201d Thessaloniki geschrieben habe, sind fast 23 Jahre vergangen. Damals hatte ich auch die Selbstdarstellung im Auge, die das ehemalige \u201eJerusalem des Balkans\u201c den ausw\u00e4rtigen Besuchern bieten w\u00fcrde, die zwei Jahre sp\u00e4ter die Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt 1997 erkunden wollten. Im Oktober 1995 waren in der Ausstellungs- und Veranstaltungsplanung der Organisatoren lediglich Spurenelemente der j\u00fcdischen Geschichte Thessalonikis zu finden.<\/p>\n<p>Das hat sich allerdings ge\u00e4ndert. Deshalb muss ich diesem Text einige Bemerkungen voranstellen, die w\u00fcrdigen sollen, was seit 1995 geschehen ist. Dabei ist zun\u00e4chst bemerkenswert, dass in die Planung f\u00fcr die Kulturhauptstadt doch noch ein Holocaust-Denkmal aufgenommen wurde, das knapp vor dem Ende des Jahres, n\u00e4mlich am 23. November 1997 von Staatspr\u00e4sident Stephanopoulos eingeweiht wurde. Die Skulptur des serbischen K\u00fcnstlers Nandor Glid steht seit 2006 am Rand jenes \u201eFreiheitsplatzes\u201c, auf dem am 11. Juli 1942 die Dem\u00fctigung und Vernichtung der Juden von Thessaloniki begonnen hat.<\/p>\n<p>Ebenfalls im Jahr 1997 wurde die Planung des J\u00fcdischen Museums von Thessaloniki beschlossen, das aus dem Kulturhauptstadt-Etat finanziert und im Mai 2001 er\u00f6ffnet wurde. In diesem Museum, das auf Best\u00e4nden des historischen Studienzentrums der j\u00fcdischen Gemeinde aufbaut, sind auch noch einige wenige Grabsteine zu sehen, die vom alten j\u00fcdischen Friedhof \u00fcbrig geblieben sind.<\/p>\n<p>Auf dem weitl\u00e4ufigen Gel\u00e4nde am Rand des Stadtzentrums, das bis 1943 mehr als 300 000 Gr\u00e4bern Platz bot, befinden sich heute die Ausstellungshallen der Internationalen Messe von Thessaloniki und die Geb\u00e4ude der Aristoteles-Universit\u00e4t. Doch bis vor wenigen Jahren war auf dem Uni-Campus kein einziger Hinweis auf den zerst\u00f6rten j\u00fcdischen Friedhof zu finden, obwohl die Gehwege zwischen den Instituten zum Teil aus den alten Grabplatten bestanden. Die Rektoren der Aristoteles-Universit\u00e4t, die seit ihrer Gr\u00fcndung \u201e500.000 Leichen im Keller\u201c hatte (wie Eberhard Rondholz einmal bitter vermerkt hat), weigerte sich jahrzehntelang, wenigstens eine kleine Gedenktafel auf dem Campus anzubringen.<\/p>\n<p>Diese unfassliche Geschichsverleugnung, die von der j\u00fcdischen Gemeinde Thessalonikis als \u201eMemozid\u201c empfunden wurde, ist seit dem 9. November 2014 Geschichte. An diesem Tag wurde eine Gedenkst\u00e4tte zur Erinnerung an den alten J\u00fcdischen Friedhof eingeweiht. Dass dies endlich geschah, ist vor allem ein Verdienst des B\u00fcrgermeisters Yiannis Boutaris, der seit Januar 2011 im Amt und seitdem bem\u00fcht ist, die osmanische wie die j\u00fcdische Dimension der Geschichte Thessalonikis nicht nur f\u00fcr die Besucher, sondern auch f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bewusst und erfahrbar zu machen.<\/p>\n<p>Wie entschieden, ja r\u00fccksichtslos sich Boutaris mit der Vergesslichkeit seiner Landsleute auseinandersetzt, demonstriert die Ansprache, die der B\u00fcrgermeister bei der Einweihung des Denkmals f\u00fcr den J\u00fcdischen Friedhof auf dem Gel\u00e4nde der Aristoteles-Universit\u00e4t gehalten hat. Deshalb will ich diesen Vortext mit einem l\u00e4ngeren Zitat aus der Rede beschlie\u00dfen, die Boutaris nicht zuf\u00e4llig am 9. November 2014 gehalten hat.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Stadt Thessaloniki hat sich auf nicht zu rechtfertigende Weise sehr viel Zeit gelassen, um <\/em><em>das Schweigen zu brechen und endlich der d\u00fcstersten Phase ihrer Geschichte zu gedenken. Heute <\/em><em>aber kann sie sagen, dass sie sich f\u00fcr dieses unberechtigte und str\u00e4fliche Schweigen sch\u00e4mt. <\/em><em>Sich sch\u00e4mt f\u00fcr die Kollaborateure der Stadt, die mit den Okkupanten kooperiert haben, f\u00fcr die<\/em> <em>Nachbarn, die sich unrechtm\u00e4\u00dfig Besitzt\u00fcmer angeeignet haben, f\u00fcr diejenigen, die Mitmenschen <\/em><em>denunziert haben, die zu fliehen versuchten.<br \/>\n<\/em><br \/>\n<em>Und vor allem sch\u00e4mt sie sich f\u00fcr die Verantwortlichen der Stadt: f\u00fcr den B\u00fcrgermeister und <\/em><em>den Generalverwalter, die ohne weiteres einwilligten, dass st\u00e4dtische Arbeiter in einer Nacht <\/em><em>500 Jahre der Erinnerung zerst\u00f6ren und den gr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Friedhof Europas in eine Sch\u00e4delst\u00e4tte <\/em><em>verwandeln konnten. Sie sch\u00e4mt sich f\u00fcr den Direktor des Arch\u00e4ologischen Dienstes, <\/em><em>der mit Unverst\u00e4ndnis reagierte, als sich die j\u00fcdische Gemeinde 1946 dar\u00fcber beschwerte, dass <\/em><em>man Grabsteine als Baumaterial f\u00fcr den Wiederaufbau der Kirche Ayios Dimitrios verwendet <\/em><em>hat. Und sie sch\u00e4mt sich f\u00fcr diejenigen Universit\u00e4tsrektoren, die nach dem Krieg die Geb\u00e4ude <\/em><em>der Universit\u00e4t neben und auf den zerst\u00f6rten Gr\u00e4bern errichtet haben, ohne auch nur eine Gedenktafel<\/em> <em>anzubringen.<\/em><br \/>\n<em>Heute erkennen wir, dass der Verlust von 56 000 j\u00fcdischen B\u00fcrgern Thessalonikis ein Verlust <\/em><em>f\u00fcr uns alle ist \u2013 f\u00fcr Christen, Juden und Muslime, f\u00fcr Atheisten und Agnostiker. Es ist ein Verlust <\/em><em>f\u00fcr jene, die hier gelebt haben, aber auch f\u00fcr alle, die nach uns hier leben werden. Der Holocaust <\/em><em>hat nicht nur die Vergangenheit unserer Stadt belastet, er hat uns \u2013schlimmer noch &#8211; die <\/em><em>Zukunft gestohlen. Wer wollte bezweifeln, dass Thessaloniki mit einer bl\u00fchenden und kosmopolitischen <\/em><em>j\u00fcdischen Gemeinde eine andere Stadt w\u00e4re?<br \/>\n<\/em><br \/>\n<em>Weil also dieser Verlust letzten Endes auch der unsere ist, ist das Gedenken an den Holocaust <\/em><em>nicht nur eine Sache der j\u00fcdischen Gemeinde, sondern unser aller Sache. Er betrifft uns als B\u00fcrger <\/em><em>Thessalonikis, als Griechen und als Europ\u00e4er. Er stiftet eine neue Beziehung zu dieser Stadt <\/em><em>und erweitert unseren Begriff von Menschlichkeit.<br \/>\n<\/em><br \/>\n<em>In diesem Sinn begr\u00fc\u00dfen wir heute die Entscheidung des Rektorats, die Erlaubnis f\u00fcr diese Gedenkst\u00e4tte <\/em><em>zu erteilen.\u201c<br \/>\n<\/em><br \/>\nDiese S\u00e4tze w\u00e4ren ein sch\u00f6nes, optimistisch stimmendes Gegenst\u00fcck zu dem Text von 1995, der hier nachzulesen ist. Aber die griechische Realit\u00e4t von 2018 zwingt uns, dieses optimistische Bild zu relativieren. Am 20. Januar 2018 gingen in Thessaloniki etwa 100 000 emp\u00f6rte B\u00fcrger auf die Stra\u00dfe, um gegen ein geplantes Abkommen der Athener Regierung mit der Regierung in Skopje zu protestieren. Dabei waren immer wieder b\u00f6sartige Parolen gegen den B\u00fcrgermeister Yiannis Boutaris zu h\u00f6ren. Denn der hat sich offen f\u00fcr eine Vereinbarung ausgesprochen, die dem n\u00f6rdlichen Nachbarn einen Namen \u201ezugesteht\u201c, der das Wort \u201eMazedonien\u201c enth\u00e4lt. Das aber ist f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen im griechischen Teil Mazedoniens \u2013 und in Thessaloniki \u2013 ein Sakrileg: F\u00fcr sie ist das Wort und der Begriff Mazedonien seit jeher und auf ewig \u201egriechisch und allein griechisch\u201c.<\/p>\n<p>Bei dieser Demonstration f\u00fchrten faschistische Teilnehmer Plakate mit, auf denen Boutaris als \u201exeftila\u201c (etwa: k\u00e4uflicher Lump) beschimpft und aufgefordert wurde: \u201eNimm dein Judenpack und hau ab!\u201c Ein anderes Plakat zeigte Boutaris bei der Grundsteinlegung f\u00fcr das J\u00fcdische Museum, auf dem Foto hat er eine Kippa auf dem Kopf.<br \/>\nDass es auch in Griechenland Faschisten mit antisemitischen Grund\u00fcberzeugungen gibt, ist keine \u00dcberraschung. Das Beunruhigende an solchen Episoden ist allerdings, dass die klein- und die gutb\u00fcrgerlichen Patrioten, die sich \u00fcber das Thema Mazedonien erregen k\u00f6nnen, die\u00a0 Rassisten nicht aus ihren Reihen ausgrenzen und nach Hause schicken. Was wiederum auf eine Gefahr verweist, die wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Wo der Chauvinismus bl\u00fcht, geht fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Saat des Antisemitismus auf.<\/p>\n<p>Am 27. Juni dieses Jahres haben Unbekannte das Denkmal f\u00fcr die Holocaust-Opfer von Thessaloniki mit Farbe beschmiert. Kurz darauf verunstalteten geistesverwandte T\u00e4ter das Denkmal auf dem Gel\u00e4nde der Aristoteles-Universit\u00e4t, das an den ehemaligen j\u00fcdischen Friedhof erinnert, mit blauer Farbe und \u00fcbermalten die Gedenktafel mit einem Kreuz. Die Stadtverwaltung von Thessaloniki verurteilte diesen politischen Vandalismus mit dem Worten: \u201eDie Sch\u00e4ndung des Denkmals ist eine schimpfliche Attacke nicht nur auf das Gedenken unserer j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger, die im Holocaust umgekommen sind, sondern vor allem auf die kollektive Erinnerung und Geschichte der Stadt selbst.\u201c<\/p>\n<p>Niels Kadritzke \/ 26.08. 2018<br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><a href=\"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/NilsKadritzke_Thessaloniki_juedischeGeschichte.pdf\">Download: &#8222;Das Jerusalem des Balkans&#8220; mit Vorbemerkung<\/a><br \/>\n(weitere Beitr\u00e4ge von Niels Kadritzke siehe<\/span><br \/>\n<a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/blog-nachdenken-ueber-griechenland\"><span style=\"font-size: 10pt;\"> https:\/\/monde-diplomatique.de\/blog-nachdenken-ueber-griechenland)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die am 23.08.2018 stattgefundene Veranstaltung von \u201eHeinrich B\u00f6ll Stiftung-B\u00fcro Thessaloniki\u201c und \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland e.V.\u201c war ein Programmteil der \u201eEurop\u00e4ischen Kulturtage 2018: Thessaloniki\u201c des Museums f\u00fcr Europ\u00e4ische Kulturen (9. 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