{"id":1446,"date":"2016-11-16T22:09:21","date_gmt":"2016-11-16T20:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?page_id=1446"},"modified":"2016-11-16T22:09:21","modified_gmt":"2016-11-16T20:09:21","slug":"feature-ueber-griechenland-den-euro-vorurteile-und-das-spardiktat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?page_id=1446","title":{"rendered":"Feature \u00fcber Griechenland, den Euro, Vorurteile und das Spardiktat"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><strong>\u00a0Der Geldbote von Amorgos<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">von Michalis Pantelouris | Quelle: Die Zeit 18. 7. 2015 (Nr. 29\/2015)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Es war, als h\u00e4tte eine h\u00f6here Macht nicht gewollt, dass der Euro diese kleine Insel erreicht. Im Dezember 2001 kam ein Sturm auf und fegte so ausdauernd \u00fcber die \u00c4g\u00e4is, dass es schien, die See werde sich nie beruhigen. Europas neue W\u00e4hrung sollte mit der w\u00f6chentlichen F\u00e4hre nach Amorgos kommen, auf die \u00f6stlichste Insel der Kykladen. Aber jetzt konnten die Schiffe nicht fahren. Es war der h\u00e4rteste Winter seit Jahrzehnten, und auf Amorgos sahen die meisten Menschen zum ersten Mal im Leben Schnee.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Amorgos hat 2.000 Einwohner. Sechs Gemeinden. Drei Bankautomaten. Eine Bankfiliale, aber die war damals, vor mehr als 13 Jahren, noch nicht so wichtig wie heute. Fast niemand hatte ein Bankkonto, wozu auch? Man bekam sein Gehalt in bar und zahlte in bar. H\u00f6chstens ein Postsparbuch besa\u00dfen einige. Die Menschen erledigten ihre wenigen finanziellen Dinge bei Michalis Fostieris, dem Postboten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Er war es, der den Euro in die D\u00f6rfer von Amorgos brachte, als die neuen Scheine und M\u00fcnzen endlich auf die Insel kamen, die meisten im letzten Moment der \u00dcbergangsfrist, Ende Februar 2002.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich habe Michalis Fostieris damals eine Woche lang begleitet und eine Reportage geschrieben \u00fcber die Abl\u00f6sung der Drachme, der \u00e4ltesten W\u00e4hrung der Welt. In seinem kleinen wei\u00dfen Lieferwagen fuhren wir \u00fcber die einzige Inselstra\u00dfe. Manchmal lie\u00dfen wir den Wagen stehen und gingen auf einem Ger\u00f6llweg eine Viertelstunde zu Fu\u00df zu einem Bauernhaus. Auf Treppenstufen, Holzb\u00e4nken und Gartenmauern tauschte Michalis Fostieris Drachmen in Euro um. Ich sah, wie er das neue Geld auf der Insel verteilte und das alte einsammelte, und ich erlebte, wie er den Menschen die Angst nahm. Neues erzeugt meistens Angst, und der Umrechnungskurs von 340,75 Drachmen zu einem Euro machte den Alltag pl\u00f6tzlich schwer berechenbar. Manche Menschen glaubten, ihre Ersparnisse seien \u00fcber Nacht zusammengeschrumpft, zu einer Summe, die klein genug war, um Kommastellen wichtig zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Doch mit dem Euro kam auch ein unbekanntes Gef\u00fchl nach Amorgos: das Gef\u00fchl, zu Europa zu geh\u00f6ren. Damals hatte Griechenland noch keine Landgrenze mit einem anderen Staat der Europ\u00e4ischen Union. Wer auf Amorgos \u201eEuropa\u201c sagte, der meinte das im Unterschied zu \u201ehier\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eKommst du jetzt, weil der Euro wieder geht?\u201c, fragt Michalis Fostieris, als ich nun, im Juli 2015, wieder in seinem Postamt stehe, und dann lacht er, aber nur ein bisschen, weil es lustig ist und traurig zugleich. Er ist jetzt 53 Jahre alt, sein Haar ist grauer und ein bisschen d\u00fcnner als damals, aber ansonsten hat er sich nicht sehr ver\u00e4ndert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eIch bin hier, um zu sehen, wie es euch ergeht\u201c, antworte ich, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich bin nicht nur wegen Michalis Fostieris hier, sondern auch meinetwegen. Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, in Deutschland zu sitzen und der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-07\/hilfspaket-griechenland-bundestag-umfrage\">ewigen Griechenland-Debatte<\/a> zuzuh\u00f6ren, die immer und immer wieder um dieselben Klischees kreist. Die griechischen Schulden. Die deutschen Steuern. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2015-07\/alexis-tsipras-sparvorschlag-griechenland-euro-zone\">Der betr\u00fcgerische Tsipras<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2015-07\/griechenland-referendum-merkel\">hartherzige Merkel<\/a>. Das korrupte Griechenland. Das effiziente Deutschland.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Deshalb bin ich hier. Weil ich gleichzeitig w\u00fctend und traurig bin und weil ich mich sch\u00e4me. F\u00fcr die Griechen, die demokratisch gew\u00e4hlte deutsche Politiker als Nazis beleidigen, und f\u00fcr die Deutschen, die nicht aufh\u00f6ren, von den reformunwilligen, verschwenderischen Griechen zu reden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich bin der Sohn einer Deutschen und eines Griechen. Meine Gro\u00dfv\u00e4ter haben Krieg gegeneinander gef\u00fchrt. Der deutsche fuhr als \u00fcberzeugter Nazi im Zweiten Weltkrieg auf einem Minensuchboot durch die \u00c4g\u00e4is. Der griechische war Dorflehrer auf der Insel Eub\u00f6a. Die deutschen Besatzer haben ihn verh\u00f6rt und gefoltert, weil seine \u00e4lteren Kinder Partisanen waren und die Besatzer ihn offenbar f\u00fcr den Spiritus Rector des \u00f6rtlichen Widerstands hielten (ich wei\u00df nicht, ob zu Recht).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Wenige Jahre nach Kriegsende schickte mein griechischer Gro\u00dfvater meinen 1945 geborenen Vater auf die Deutsche Schule in Athen \u2013 weil Deutschland f\u00fcr ihn das Land von Goethe war. Er war der Meinung, dass ihn nicht die Deutschen gefoltert hatten, sondern die Nazis. Als sich 1967 die faschistische Obristen-Junta in Griechenland an die Macht putschte, ging mein Vater nach Deutschland ins Exil, lernte meine Mutter kennen und gr\u00fcndete eine Familie. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber in fast jedem Jahr meines Lebens in Griechenland gewesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Die kleine Insel Amorgos ist weit weg von der Hauptstadt. Selbst im Sommer, wenn die schnellen Schiffe fahren, braucht man beinahe acht Stunden von Pir\u00e4us, dem Hafen Athens, bis hierher. Amorgos ist anders als die honigs\u00fc\u00dfen Inselparadiese Santorin und Mykonos, Amorgos ist wild, eine karge, ruppige Sch\u00f6nheit. Die Insel ist ber\u00fchmt f\u00fcr ihre Kr\u00e4uter, eine bestimmte Art von Minze w\u00e4chst nur hier. Urlauber nennen so einen Ort einen \u201eGeheimtipp\u201c. Einmal, Ende der Achtziger, wurde die Welt ein bisschen aufmerksam auf Amorgos, weil der franz\u00f6sische Regisseur Luc Besson hier <em>Im Rausch der Tiefe<\/em> drehte, einen Tauchfilm. Auch schon wieder lange her.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Hier lebten bis vor Kurzem nur Fans der Europ\u00e4ischen Union. Die EU bezuschusste die w\u00f6chentliche F\u00e4hre. Die Stra\u00dfe, die quer \u00fcber die Insel f\u00fchrt, wurde mit europ\u00e4ischer Hilfe asphaltiert, und eine moderne M\u00fcllverbrennungsanlage gibt es auch. Amorgos entwickelte sich, und das Geld daf\u00fcr kam aus Br\u00fcssel, von der EU, vor allem aber kam es aus Athen, vom griechischen Staat. Es kam auch zu Michalis Fostieris, dem Brieftr\u00e4ger, der seit 20 Jahren mit seinem Auto \u00fcber diese Insel rollt und die Post einsammelt und ausf\u00e4hrt, der hier nicht nur jeden Menschen, sondern auch jeden Stein und jede Ziege kennt. Auch er wird vom Staat bezahlt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Damit bin ich schon bei einem dieser Schlagw\u00f6rter, an denen sich der Streit um Griechenland immer wieder neu entz\u00fcndet: dem griechischen Staatsapparat. Wahrscheinlich steht f\u00fcr jeden Griechen, ob er auf Amorgos lebt, in Athen oder anderswo, au\u00dfer Frage, dass das Land zutiefst reformbed\u00fcrftig ist. Die griechische Verwaltung: ineffizient. Das Steuersystem: unproduktiv. Das Rentensystem: chaotisch. Das Gesundheitssystem: erb\u00e4rmlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Allerdings, das finde ich interessant, waren all diese Probleme lange bekannt. Jeder Grieche wusste davon, und jeder Manager einer deutschen, franz\u00f6sischen, britischen oder amerikanischen Bank, die dem griechischen Staat in den ersten Jahren nach der Euro-Einf\u00fchrung Geld lieh, wusste auch davon, oder zumindest h\u00e4tte er davon wissen k\u00f6nnen. Auch die Regierungschefs der \u00fcbrigen Euro-L\u00e4nder m\u00fcssen diese Probleme gekannt haben. Offenbar haben sie sich nicht weiter daran gest\u00f6rt. Warum auch? Die Wirtschaft wuchs in Griechenland in den Jahren von 2002 bis 2007 st\u00e4rker als in den \u00fcbrigen Euro-L\u00e4ndern, viel st\u00e4rker als in Deutschland. Es reisten viele Touristen nach Amorgos in jenen Jahren, vor allem Griechen vom Festland, aus den St\u00e4dten. Mit ihnen gelangte der Wohlstand auf die Insel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Schon im Jahr 2002, als der Euro nach Amorgos kam, war die Staatsschuldenquote in Griechenland so hoch wie in wenigen anderen EU-L\u00e4ndern. Aber das r\u00fchrte vor allem aus den achtziger Jahren her, sie war jahrelang kaum gestiegen. Griechenland hatte damals eine geringere Schuldenquote als Belgien, und die Belgier bekamen auch Geld von den Banken. Man kann noch heute in wirtschaftswissenschaftlichen Berichten nachlesen, dass Griechenland in den ersten Jahren des Euro ein prosperierendes Land war. \u201e\u00d6konomen und Analysten sind optimistisch, dass Griechenland weiter stark wachsen wird\u201c, fasste es die Londoner <em>Times<\/em> im Jahr 2007 zusammen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Dann aber, am 28. November 2008, unterzeichnete der damalige griechische Pr\u00e4sident Karolos Papoulias ein Gesetz, das die griechischen Staatsschulden im Verh\u00e4ltnis zum Bruttoinlandsprodukt in die H\u00f6he schie\u00dfen lie\u00df. Das Gesetz trug die Nummer 3723, und es bedeutete nichts anderes als ein gigantisches Geldausgabeprogramm: Der griechische Staat verteilte auf einen Schlag 28 Milliarden Euro!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Dieses Geld kam nicht den griechischen Rentnern zugute. Auch nicht den griechischen Inseln oder den griechischen Beamten. Der Postbote Michalis Fostieris hat nichts von diesem Geld gesehen. Was er gesehen hat, damals im Herbst 2008, waren Bilder aus Amerika, wo im September eine Bank namens Lehman Brothers pleitegegangen war. Das Fernsehen zeigte einfache Menschen, die in amerikanischen St\u00e4dten auf den Stra\u00dfen standen, Kellner, Putzhilfen, auch Postboten wie Fostieris, die aus ihren H\u00e4usern ausziehen mussten, weil sie ihre Schulden nicht mehr zahlen konnten. Die Kommentatoren erz\u00e4hlten, dass hier gerade eine Art globales Kettenbriefgesch\u00e4ft zu Ende gegangen war, dass gro\u00dfe Banken \u00fcber Jahre viel Geld damit verdient hatten, Immobilienkredite an Menschen zu vergeben, die sich eigentlich keine H\u00e4user leisten konnten. Die Kreditpapiere verkauften sie weiter an andere Banken, bis das ganze Spiel zusammenbrach, bis weltweit Banken vor dem Konkurs standen und sich die meisten Industriestaaten, auch Deutschland und Frankreich, auch Gro\u00dfbritannien und die USA, nicht anders zu helfen wussten, als sich Geld zu leihen, um ihre Banken zu retten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Auch das griechische Gesetz Nummer 3723 war ein Bankenrettungsprogramm. Die griechische Regierung lieh sich Geld, unter anderem bei deutschen und franz\u00f6sischen Banken, um damit griechische Finanzinstitute zu sanieren. Es war nicht so, dass sich die griechische Regierung zuvor gescheut hatte, Kredite aufzunehmen, im Gegenteil, aber erst durch die Finanzkrise erreichte die Schuldenquote den gef\u00e4hrlichen Bereich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Seit meiner Kindheit habe ich deutsche Zeitungen gelesen. Ich hatte immer das Gef\u00fchl, dass das, was ich las, im Gro\u00dfen und Ganzen die Realit\u00e4t abbildete. Als jedoch im Herbst 2009 die griechische Regierung einr\u00e4umen musste, dass das Haushaltsdefizit weit h\u00f6her war als angenommen, und als sich abzeichnete, dass das Land praktisch pleite war, geschah etwas Seltsames: Die Europ\u00e4ische Union, die Europ\u00e4ische Zentralbank und der Internationale W\u00e4hrungsfonds, die sogenannte Troika, liehen den Griechen Geld, damit diese ihre Schulden bei den Banken bezahlen konnten. Die Banken bekamen also ihr Geld wieder, doch die Griechen hatten jetzt immer noch Schulden, allerdings nicht mehr bei den Banken, sondern bei der Troika.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Die deutschen Zeitungen aber schrieben damals nicht davon, dass die Finanzkrise Griechenland an den Rand der Pleite gebracht hatte. Sie besch\u00e4ftigten sich nicht mit den Banken, sie besch\u00e4ftigten sich mit den Griechen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Reporter fuhren los und machten wenig \u00fcberraschende Entdeckungen. Die griechische Verwaltung: ineffizient. Das Steuersystem: unproduktiv. Das Rentensystem: chaotisch. Das Gesundheitssystem: erb\u00e4rmlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich las die Zeitungen und konnte es nicht glauben: Das alles wussten wir l\u00e4ngst. Nichts daran war neu. Nur hatte sich au\u00dferhalb Griechenlands kaum jemand darum gek\u00fcmmert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">In Deutschland aber wurde es auf einmal popul\u00e4r, ein Spottlied anzustimmen, das bis heute wieder und wieder gesungen wird, in einem einzigen, endlosen Kanon.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eSchurken, Strand und Schulden \u2013 Griechenland ist jetzt das kreditunw\u00fcrdigste Land der Welt\u201c, schrieb der <em>stern.<br \/>\n<\/em>\u201eDer Euro ist kein Geschenk der G\u00f6tter\u201c, formulierte die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung.<br \/>\n<\/em>Der griechische Staatsapparat sei \u201egrotesk aufgebl\u00e4ht\u201c, hie\u00df es in der <em>Leipziger Volkszeitung.<br \/>\n<\/em>\u201eLuxusrenten!\u201c entdeckte die <em>Bild-<\/em>Zeitung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">In der Realit\u00e4t betrug das mittlere Einkommen in Griechenland vor Beginn der Krise 997 Euro, bei Lebenshaltungskosten, die \u00e4hnlich hoch sind wie in Deutschland (die Mieten sind in Griechenland niedriger, Lebensmittel sind teurer). Heute betr\u00e4gt das mittlere Einkommen nur noch 640 Euro, aber darauf komme ich noch. Die griechische Staatsquote, also der Anteil der staatlichen Aktivit\u00e4ten an der Gesamtwirtschaft, lag bei rund 45 Prozent und war also ebenfalls mit der deutschen vergleichbar. Die gesamten Rentenzahlungen lagen bei zw\u00f6lf Prozent der Wirtschaftsleistung, was nicht wenig ist, aber angesichts der Tatsache, dass es in Griechenland praktisch keine andere Form der sozialen Grundsicherung gibt, auch nicht viel. Wer in Griechenland arbeitslos wird, bekommt im besten Fall zw\u00f6lf Monate lang 360 Euro, danach bekommt er nichts mehr. Gar nichts. Ich w\u00fcrde sagen, in Deutschland ist die soziale H\u00e4ngematte um einiges bequemer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Jeden Morgen um acht Uhr sperrt Michalis Fostieris sein kleines Postamt auf. Er setzt sich an den Schalter, an der Wand \u00fcber seinem Kopf h\u00e4ngt eine Ikone von Sankt Zenon, dem Schutzheiligen der Postleute. Es gibt noch einen zweiten Schalter im Postamt, doch der ist geschlossen, seit Jahren schon. \u201eFr\u00fcher hatte ich Aushilfen, wenn zu viel zu tun war, aber daf\u00fcr ist kein Geld mehr da\u201c, sagt Fostieris.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">So wie im Winter 2002 verwandelt sich Michalis Fostieris in diesen Tagen wieder zum Ansprechpartner f\u00fcr finanzielle Angelegenheiten. Damals gab es in den D\u00f6rfern pl\u00f6tzlich keine Geheimnisse mehr ums Geld, weil jeder seine Ersparnisse beim Postboten tauschte. Heute dr\u00e4ngen sich die Menschen im Postamt, diskutieren, suchen Rat, f\u00fcllen Formulare aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Im Land geht das Ger\u00fccht um, alle Bankeinlagen \u00fcber 8.000 Euro k\u00f6nnten vom Staat enteignet werden. Nun wollen auf einmal alle ihre ausstehenden Rechnungen bezahlen, um ihren Kontostand unter diese Grenze zu dr\u00fccken. Aber <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2015-07\/das-falsche-versprechen\">alle Banken in Griechenland sind geschlossen<\/a> \u2013 nur bei Michalis Fostieris k\u00f6nnen die Bewohner von Amorgos ihre \u00dcberweisungen erledigen. Sechs Euro m\u00fcssen sie f\u00fcr jede Transaktion bezahlen, Krisengeb\u00fchren. So kommt es, dass jetzt, w\u00e4hrend keiner Geld zu haben scheint, der kleine Postsafe prall gef\u00fcllt ist mit Euro-M\u00fcnzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Am fr\u00fchen Abend sperrt Fostieris die Post zu und geht hin\u00fcber zu seinem schmalen Haus, er zieht sich einen Overall \u00fcber und arbeitet weiter. Seine Frau betreibt eine kleine Autovermietung, und Fostieris ist ihr Mitarbeiter, immer wenn die Post geschlossen hat. Er sortiert Rechnungen, beantwortet E-Mails, w\u00e4scht die Fiat Pandas. Das ist sein Zweitjob. Als Drittjob bef\u00fcllt und wartet er die Feuerl\u00f6scher auf der Insel. Die kleine Taverne, seinen vierten Job, hat er inzwischen aufgegeben, sie lohnte sich nicht mehr, aber im f\u00fcnften Job ist er Imker, sein Vater hat ihm ein paar Bienenst\u00f6cke vererbt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Es ist nicht ganz einfach, Fostieris\u2019 Arbeitsstunden zu z\u00e4hlen, weil in seinem Leben der Alltag und die Arbeit schwer voneinander zu trennen sind, eigentlich arbeitet er fast immer irgendwie. Nat\u00fcrlich sollte man nicht von einem Einzelfall auf die Gesamtgesellschaft schlie\u00dfen, aber das muss man auch gar nicht. Denn um ein Land als Ganzes zu beurteilen, gibt es zum Beispiel die Statistiken der Industriel\u00e4nder-Organisation OECD. Nach deren Berechnungen arbeitet der durchschnittliche Grieche 2.042 Stunden im Jahr und der durchschnittliche Deutsche 1.371 Stunden. Diese Zahlen hielten allerdings die deutschen Zeitungen nicht davon ab, zu schreiben, die Griechen seien faul.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Sie hinderten auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht daran, auf einer Parteiveranstaltung zu sagen, die Griechen sollten l\u00e4nger arbeiten und weniger Urlaub machen. Das war im Mai 2011, ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten Memorandum.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Memorandum of Economic and Financial Policies \u2013 so lautet der Titel des zweiten und entscheidenden Teils eines 90 Seiten starken Dokuments. Darin sind die Bedingungen festgeschrieben, die Griechenland zu erf\u00fcllen habe, um von der Troika aus EU, EZB und IWF Geld geliehen zu bekommen. Insgesamt 110 Milliarden Euro, das sogenannte erste Hilfspaket. Wir retten euch vor der Pleite, aber daf\u00fcr m\u00fcsst ihr euer Land ver\u00e4ndern, damit ihr uns eure Schulden auch zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnt: Das war der Deal.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Gut, wenn man jemandem Geld leiht, will man sichergehen, dass man es wiederbekommt. Ich fand es damals allerdings ein wenig merkw\u00fcrdig, dass Deutschland und Frankreich wenige Jahre zuvor, nach der Pleite von Lehman Brothers, ihren vom Bankrott bedrohten Banken weit mehr Geld geliehen hatten, ohne ihnen daf\u00fcr irgendwelche Verhaltens\u00e4nderungen aufzuerlegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Von der griechischen Regierung verlangte die Troika viel. Sie forderte harte Einschnitte bei den Renten, den L\u00f6hnen im \u00f6ffentlichen Dienst und anderen Staatsausgaben, au\u00dferdem die rasche Privatisierung von Staatseigentum und die Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Die Sparma\u00dfnahmen, das war die Vorhersage, w\u00fcrden die Krise f\u00fcr kurze Zeit verschlimmern, danach aber das Wirtschaftswachstum zur\u00fcckbringen und es den Griechen erm\u00f6glichen, ihre Schulden zur\u00fcckzuzahlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Noch etwas anderes fand ich merkw\u00fcrdig. Die deutsche Bundesregierung hatte wenige Jahre zuvor im eigenen Land einen anderen Weg eingeschlagen. Die Finanzkrise hatte ja auch in Deutschland eine Rezession ausgel\u00f6st, auch in Deutschland stieg die Schuldenquote. Die Bundesregierung aber reagierte darauf keineswegs mit K\u00fcrzungen. Im Gegenteil, sie verl\u00e4ngerte das Kurzarbeitergeld f\u00fcr unterbesch\u00e4ftigte Arbeitnehmer, sie bezahlte eine \u201eAbwrackpr\u00e4mie\u201c daf\u00fcr, dass die Leute alte, aber verkehrst\u00fcchtige Autos verschrotteten und neue Autos kauften, sie spendierte jeder Familie eine Einmalzahlung von 100 Euro f\u00fcr jedes Kind. Auf diese Weise kam Deutschland gut durch die Krise. Die Wirtschaft wuchs wieder, und die Regierung konnte anfangen, ihre Schulden zur\u00fcckzuzahlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Die Griechen bekamen nun eine eher gegens\u00e4tzliche Strategie verschrieben, aber okay, jedes Land ist anders, und die Prognosen waren ja eindeutig: Im Jahr 2011 werde die griechische Wirtschaft zwar ein wenig schrumpfen, aber danach schnell wieder wachsen. Das war die Rechnung der Geldgeber.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Diese Rechnung war falsch. Die Griechen senkten ihre Staatsausgaben, wie man es ihnen aufgetragen hatte, aber ihre Wirtschaft wuchs nicht, sie schrumpfte, und zwar gewaltig. Jahr f\u00fcr Jahr sagte die EU-Kommission aufs Neue ein baldiges Wachstum voraus, doch die griechische Volkswirtschaft schrumpfte weiter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Angela Merkel hat einmal gesagt, man m\u00fcsse, wenn es um Wirtschaft gehe, auf die schw\u00e4bische Hausfrau h\u00f6ren. Die schw\u00e4bische Hausfrau spart, wenn das Geld knapp ist. Das macht \u00fcbrigens auch die griechische Hausfrau. Ist ja auch vern\u00fcnftig: Wenn man weniger Geld zur Verf\u00fcgung hat, sollte man weniger ausgeben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Was aber weder die schw\u00e4bische noch die griechische Hausfrau beachten muss: Ein Staat ist kein Privathaushalt. In jeder Volkswirtschaft sind die Ausgaben des einen die Einkommen des anderen. Wenn alle griechischen Hausfrauen anfangen, weniger Geld auszugeben, geht es den griechischen Kaufleuten schlecht. Auch sie m\u00fcssen sparen, m\u00fcssen Mitarbeiter entlassen, und die Mitarbeiter schrauben ihre Ausgaben zur\u00fcck, wodurch noch mehr Menschen arbeitslos werden. Wer aber keine Arbeit mehr hat, zahlt auch keine Steuern mehr. Dann hat der Staat zwar seine Ausgaben reduziert, aber es sinken auch seine Einnahmen. Und am Ende hat der Staat, trotz allen Sparens, mehr Schulden als vorher. Es ist ein Teufelskreis, eine ewige Abw\u00e4rtsspirale.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">In genau so einer Spirale scheint Griechenland festzustecken. Seit 2009 haben die verschiedenen Regierungen die Staatsausgaben um \u00fcber 30 Prozent gesenkt, mehr als jedes andere Industrieland zuvor. W\u00e4re Sparen ein Sport, w\u00e4re Griechenland jetzt Weltmeister. Nur gebracht hat es nichts. Vor Auszahlung des ersten Hilfspakets ab Mai 2010 lag die Arbeitslosenquote in Griechenland bei sieben Prozent. Heute betr\u00e4gt sie 26 Prozent. Die Wirtschaft ist um rund 30 Prozent geschrumpft, die Schulden sind weiter gestiegen. Daran \u00e4nderte auch das im Jahr 2011 verabschiedete zweite Hilfspaket nichts, genauso wenig wie der Schuldenschnitt des Jahres 2012, bei dem Griechenland ein Teil seiner Verbindlichkeiten erlassen wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Irgendwann kam die Krise auch auf Amorgos an, nur ist sie hier leiser, weniger grell als in den St\u00e4dten auf dem Festland. Auf Amorgos stehen keine Gesch\u00e4fte leer. Man sieht hier keine alten Frauen, die auf der Stra\u00dfe schlafen, oder Familien, die im Winter ihre M\u00f6bel in den Kamin schieben. Meine Schweser lebt in Athen, und wenn ich sie besuche, sch\u00e4me ich mich, weil im ganzen Haus mit seinen zw\u00f6lf Parteien niemand die Wohnung heizen kann, wegen der neuen Steuer auf \u00d6l.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Auf den ersten Blick hat sich auf Amorgos wenig ver\u00e4ndert. Die wei\u00dfen H\u00e4user stehen noch immer am Fu\u00dfe der Felsen, noch immer verstopft manchmal eine Herde Ziegen die Inselstra\u00dfe, und heute wie damals ruft der Hirte den Tieren zu: \u201eKommt, M\u00e4dchen, kommt!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Michalis Fostieris erkennt die Krise trotzdem. Er muss nur jeden Monat auf seinem Gehaltszettel schauen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Wie allen Mitarbeitern des \u00f6ffentlichen Dienstes wurde ihm sein Lohn um ein Viertel gek\u00fcrzt, genau wie den Beamten der K\u00fcstenwache im Hafen von Amorgos, genau wie den Polizisten und \u00c4rzten. Papier und Stifte, die er f\u00fcr die Arbeit braucht, bringt Fostieris jetzt von zu Hause mit. Die Regierung hat alte Steuern angehoben und neue Steuern eingef\u00fchrt. Bald stehen die n\u00e4chsten Erh\u00f6hungen an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eWie geht es dir, Michali?\u201c, frage ich, und er zuckt mit den Schultern. \u201eAch\u201c, sagt er, \u201ewir leben, was sollen wir machen?\u201c Das ist die Frage, die sich hier alle stellen, auch Michalis\u2019 Tochter Anna Fostieri. Sie wohnt eigentlich in Athen, aber nun ist sie hier. Nicht weil sie im Sommer Urlaub macht. Sondern weil sie im Sommer keine Arbeit hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Vor neun Jahren zog Anna Fostieri fort von Amorgos, fort aus der engen Welt ihrer Kindheit, um ein Leben als Erwachsene zu beginnen. Sie hat Franz\u00f6sisch studiert und unterrichtet nun an einer der privaten Nachhilfeschulen, die fast alle griechischen Jugendlichen nachmittags besuchen, weil sie auf den staatlichen Schulen nicht genug lernen, um die Pr\u00fcfungen zu bestehen. Anna Fostieri verdient vier Euro pro Stunde, das ist der neue Mindestlohn in Griechenland, und im Sommer ist sie elf Wochen lang arbeitslos, denn da sind die Schulen geschlossen. Sie hilft dann ihren Eltern in der Autovermietung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich schreibe das nicht auf, um Mitleid zu wecken. Anna Fostieri wird sich schon irgendwie durchs Leben schlagen, so wie die meisten der Tausenden jungen Griechen, die trotz abgeschlossenen Studiums keine Arbeit finden. Vielleicht wird auch sie irgendwann ins Ausland gehen, zum Beispiel nach Deutschland, wie so viele Griechen in ihrem Alter. Sie fliehen aus einem Land, in dessen Krankenh\u00e4usern frisch Operierte auf den G\u00e4ngen herumliegen, weil die Zimmer \u00fcberf\u00fcllt sind. Einem Land, in dem inzwischen mehr als 30 Prozent der Menschen keine Krankenversicherung haben und die Kindersterblichkeit um 40 Prozent gestiegen ist. Die griechische Sektion von \u201e\u00c4rzte der Welt\u201c hat ihre Mediziner aus den armen L\u00e4ndern Afrikas und Asiens abgezogen, weil sie jetzt zu Hause gebraucht werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich k\u00f6nnte diese Aufz\u00e4hlung fortf\u00fchren, aber ich h\u00f6re lieber auf. Ich m\u00f6chte das Leid des griechischen Volkes nicht als Argument ins Feld f\u00fchren, denn Europas Regierungschefs haben die Sparma\u00dfnahmen ja nicht beschlossen, um die Griechen zu qu\u00e4len. Das ist das, was jene Journalisten nicht verstanden haben, die in Merkel und Sch\u00e4uble Wiederg\u00e4nger der Nazis sehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Was ich allerdings nicht begreife: wie man tats\u00e4chlich glauben kann, man k\u00f6nne Griechenland mit mehr und immer noch mehr K\u00fcrzungen in die Lage versetzen, seine Schulden zur\u00fcckzuzahlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Und mit welchen Worten man die K\u00fcrzungen kommentieren kann. Zwischen 2010 und 2014 haben die verschiedenen griechischen Regierungen 179 Reformgesetze erlassen, eine Studie der Irischen Zentralbank bescheinigte Griechenland eine ungew\u00f6hnliche F\u00e4higkeit zur Erneuerung, die deutschen Zeitungen aber schreiben Folgendes:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eSie k\u00f6nnen nicht sparen \u2013 und wollen es auch gar nicht\u201c <em>(Focus).<br \/>\n<\/em>\u201eDas Land hat sich als reformunf\u00e4hig erwiesen\u201c <em>(Frankfurter Allgemeine).<br \/>\n<\/em>\u201eSo nicht, ihr Griechen\u201c <em>(Die Welt).<br \/>\n<\/em>\u201eEin seltsames Volk\u201c <em>(Der Spiegel).<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich wei\u00df nicht, ob jemand gez\u00e4hlt hat, wie viele Talkshows es im deutschen Fernsehen schon zum Thema <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/orte\/griechenland\/\">Griechenland<\/a> gab, es m\u00fcssen mehrere Dutzend gewesen sein. Manchmal war ich selbst dort zu Gast. Vor Kurzem zum Beispiel in der ARD bei <em>hart aber fair<\/em>. Ich habe es, ehrlich gesagt, nicht wirklich geschafft, zu Wort zu kommen. Ich bin kein Fernsehprofi, und jedes Mal bin ich wieder \u00fcberrascht, wie leicht manche Diskutanten sich Applaus abholen, indem sie mehr oder weniger w\u00f6rtlich Schlagzeilen der <em>Bild-<\/em> Zeitung zitieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Wegen meines Namens bin ich in Deutschland immer \u201eder Grieche\u201c gewesen. Als Griechenland im Jahr 2004 unter dem Trainer Otto Rehhagel Fu\u00dfball-Europameister wurde, haben mir meine Freunde gratuliert. Heute bekomme ich E-Mails und Briefe von unbekannten Griechenhassern, die mir nahelegen, anatomisch unm\u00f6gliche sexuelle Praktiken an mir selbst auszuf\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">In all den Talkshows habe ich kaum einen Moderator, kaum einen Experten getroffen, der das erste Memorandum vom Mai 2010 gelesen hatte, das die Sparauflagen f\u00fcr Griechenland auflistet und auf der Website der Europ\u00e4ischen Union leicht zu finden ist. In diesem Dokument steht zum Beispiel, dass es kontraproduktiv, ungerecht und sinnlos w\u00e4re, die L\u00f6hne im griechischen Privatsektor zu senken. Ein Jahr sp\u00e4ter setzte die Troika trotzdem die Senkung des Mindestlohns durch. Leider fand sich fast keine Zeitung, die darauf hinwies, dass die Gl\u00e4ubiger gegen ihre eigene Expertise handelten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Stattdessen ist in den Zeitungen in diesen Wochen viel von Spanien, Portugal und Irland zu lesen, jenen drei Euro-L\u00e4ndern, die ebenfalls Hilfskredite bekamen und deshalb ebenfalls zum K\u00fcrzen und Sparen verpflichtet wurden. Die j\u00fcngsten Wirtschaftsdaten dieser L\u00e4nder, so das Argument, erz\u00e4hlten gro\u00dfe Erfolgsgeschichten und seien der Beweis daf\u00fcr, dass die Programme der Troika wirkten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Abgesehen davon, dass das Wort \u201eErfolg\u201c bei Arbeitslosenquoten von 13 Prozent (Portugal) und 23 Prozent (Spanien) auf mich ein wenig zynisch wirkt, ist der Vergleich mit Griechenland schlicht falsch. Die Spanier, Portugiesen und Iren mussten ihre Ausgaben weit weniger k\u00fcrzen als die Griechen. In Spanien etwa sind die Beamtengeh\u00e4lter gegen\u00fcber dem Jahr 2007 nicht gesunken, sondern gestiegen, auch die Sozialausgaben haben sich leicht erh\u00f6ht. Wenn das Beispiel Spanien etwas beweist, dann nur, dass behutsames Sparen einem Land mitunter mehr hilft als Radikalk\u00fcrzungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Wirtschaftswissenschaftler vergleichen sich gerne mit Medizinern, die eine bestimmte Therapie, ein Medikament empfehlen oder davon abraten, nur dass sie keine Menschen kurieren, sondern L\u00e4nder. Wenn man dieses Bild f\u00fcr einen Moment beibehalten will, muss man sagen, dass sich inzwischen immer mehr der besten und bekanntesten \u00c4rzte der Welt \u00f6ffentlich mit einer eindeutigen Diagnose zu Wort melden: Die Fortsetzung der Sparpolitik wird das kranke Griechenland nicht gesunden lassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/27\/joseph-stiglitz-grexit-griechenland-deutschland\">Nobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz sagt<\/a>, die Gl\u00e4ubiger h\u00e4tten die Auswirkungen der Sparpolitik v\u00f6llig falsch eingesch\u00e4tzt.<br \/>\nDer Nobelpreistr\u00e4ger Amartya Sen sagt, eine schrumpfende Wirtschaft sei das denkbar ung\u00fcnstigste Umfeld f\u00fcr echte institutionelle Reformen.<br \/>\nDer <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/22\/griechenland-eurokrise-souveraenitaet\">Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman<\/a> sagt, die Troika sei dabei, die griechische Wirtschaft zu zerst\u00f6ren.<br \/>\nDer Nobelpreistr\u00e4ger Robert Shiller sagt, die K\u00fcrzungsprogramme h\u00e4tten ganz Europa geschadet.<br \/>\nDer Nobelpreistr\u00e4ger Christopher Pissarides sagt, man d\u00fcrfe pure Sparpolitik nicht mit echten Reformen verwechseln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Es gibt auch andere Wissenschaftler, nat\u00fcrlich, andere \u00c4rzte, wenn man so will, die der Meinung sind, wenn die griechische Regierung nur weiter ihre Ausgaben k\u00fcrze und die Steuern erh\u00f6he, wenn sie ihrem Land nur immer mehr von derselben Medizin verabreiche, werde Griechenland bald wieder auf die Beine kommen. Viele dieser Wissenschaftler sind Deutsche. Ich will ihnen nicht die Fachkenntnis absprechen. Aber in die N\u00e4he des Nobelpreises ist noch keiner von ihnen gekommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ich sage es noch einmal: Die griechische Verwaltung ist ineffizient. Das Steuersystem ist unproduktiv. Das Rentensystem ist chaotisch. Das Gesundheitssystem ist erb\u00e4rmlich. Das alles war schon vor der Krise so. Ich verstehe nur nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Regierung, die kein Geld mehr ausgeben darf, werde es schaffen, dies alles zu \u00e4ndern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">An meinem dritten Tag auf Amorgos zerrt der Meltemi, der sommerliche Nordwind, an den B\u00e4umen und B\u00fcschen im Hof der Schule. Vor der T\u00fcr stehen M\u00e4nner und Frauen, Alte und Junge in einer langen Schlange. Sie sind gekommen, um ihre Stimme abzugeben, die Schule ist das Wahllokal. Es ist der Tag des Referendums, der Tag, an dem die Griechen \u00fcber die Forderung der Gl\u00e4ubiger nach einer Fortsetzung der Sparpolitik abstimmen, mit Ja oder Nein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Sechs Tage zuvor stand der ZDF-Reporter Alexander von Sobeck vor dem Parlament in Athen und berichtete live in der <em>heute-<\/em>Sendung davon, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2015-07\/griechenland-aktuell-live-blog-150703\">was sich hinter ihm auf dem Syntagma-Platz abspielte<\/a>. \u201eDas ist die gr\u00f6\u00dfte Demonstration seit Tagen\u201c, sagte er. Und alles seien Menschen, die im Euro bleiben wollten, also Gegner der Syriza-Regierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">In Wahrheit waren es Anh\u00e4nger der Regierung und Gegner des Sparkurses. Von Sobeck hatte es geschafft, das irgendwie zu \u00fcbersehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Vor wenigen Wochen ist in der <em>ZEIT<\/em> ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/26\/journalismus-medienkritik-luegenpresse-vertrauen-ukraine-krise\">Essay \u00fcber die Glaubw\u00fcrdigkeit von Journalisten<\/a> erschienen ( <em>ZEIT<\/em> Nr. 26\/2015). Der Autor schrieb, in der Finanzkrise und bei dem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2015-03\/medien-berichterstattung-germanwings-flugzeugabsturz\">Absturz der Germanwings-Maschine<\/a> h\u00e4tten die deutschen Journalisten versagt. Ich glaube langsam, bei der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2015-07\/referendum-griechenland-medien-berichterstattung\">Berichterstattung \u00fcber Griechenland<\/a> stehen sie auch nicht sonderlich gut da.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Auch auf Amorgos haben sich vor dem Referendum Menschen versammelt. Aber es waren nur Kinder, die da zusammenliefen, angelockt von dem dr\u00f6hnenden Fapp-Fapp-Fapp des landenden Milit\u00e4rhubschraubers, der die Stimmzettel auf die Insel brachte, so wie vor 13 Jahren ein F\u00e4hrschiff das neue Geld geliefert hatte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Ganz sp\u00e4t, als die Sonne schon tief \u00fcber der Insel liegt, geht auch der Mann zum Referendum, der den Bewohnern von Amorgos damals den Euro brachte. Seine Tochter Anna hat schon gew\u00e4hlt. Sie hat <em>Ochi<\/em> angekreuzt, Nein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Michalis Fostieris stimmt mit Ja, spricht sich also f\u00fcr die Sparma\u00dfnahmen aus. Er sagt, niemand wisse, was passiere, wenn das Nein gewinnt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Inzwischen wissen wir es. Am vergangenen Wochenende haben die Gl\u00e4ubiger der griechischen Regierung wieder einmal <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2015-07\/griechenland-reformen-sparpaket-privatisierung-banken\">neue Spar- und Reformma\u00dfnahmen<\/a> vorgelegt. Sie sind die Voraussetzung daf\u00fcr, dass Griechenland mit den Gl\u00e4ubigern \u00fcber weitere Hilfskredite \u00fcberhaupt nur verhandeln darf. Zwei Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr und ein rascher Aufstieg Griechenlands von der unproduktivsten zur produktivsten Volkswirtschaft der Euro-Zone, so lautet das alte, neue Versprechen, wenn die Griechen die weiteren K\u00fcrzungen umsetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Manchmal frage ich mich, wie lange es noch dauert, bis das Land an dieser Politik zerbricht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Vor 18 Jahren hat mein Vater, der Grieche, das deutsche Bundesverdienstkreuz bekommen, f\u00fcr seine Verdienste um die deutsch-griechischen Beziehungen. Ich bin das Produkt einer unvorstellbaren Vers\u00f6hnungsleistung, von den gr\u00f6\u00dften Verbrechen hin zur tiefsten Verbundenheit. So wie das gesamte heutige Europa. Bis jetzt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Der Geldbote von Amorgos von Michalis Pantelouris | Quelle: Die Zeit 18. 7. 2015 (Nr. 29\/2015) Es war, als h\u00e4tte eine h\u00f6here Macht nicht gewollt, dass der Euro diese kleine Insel erreicht. Im Dezember 2001 kam ein Sturm auf und fegte so ausdauernd \u00fcber die \u00c4g\u00e4is, dass es schien, die See werde sich nie beruhigen. &hellip; <a href=\"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/?page_id=1446\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eFeature \u00fcber Griechenland, den Euro, Vorurteile und das Spardiktat\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1446","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1446","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1446"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1448,"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1446\/revisions\/1448"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/xn--respekt-fr-griechenland-kpc.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}