DOWNLOADBEREICH – Materialsammlung zur Bildungsarbeit mit dem Film DER BALKON

Hier finden Sie alle Links zu den Begleitmaterialien, die in der Zusammenstellung
Bildungsarbeit mit dem Film DER BALKON - Überblick über Begleitmaterial für eine Erprobungsphase mit dem Film
genannt werden. Zur besseren Orientierung sind die Links den einzelnen Kapiteln dieser Zusammenstellung zugeordnet. „DOWNLOADBEREICH – Materialsammlung zur Bildungsarbeit mit dem Film DER BALKON“ weiterlesen

Bildungsarbeit mit dem Film DER BALKON

Wehrmachtsverbrechen in Griechenland
Die Vernichtung des Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943
Dokumentarfilm von Chrysanthos Konstantinidis, 2018

Vom Regisseur für Bildungsarbeit gekürzte Fassung von 43 Minuten
Griechisch mit deutschen Untertiteln

Die Bildungsarbeit findet statt im Rahmen der Kampagne von Respekt für Griechenland: Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland

||Alle im Text angegebenen Materialien sind im ||
|| Downloadbereich Materialsammlung zur Bildungsarbeit zu finden! ||


Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus bedarf einer dringenden thematischen Ergänzung: die Verbrechen der Wehrmacht im besetzten Griechenland von 1941-1944; die Täterschaft vieler Großeltern und Urgroßeltern und die bis heute abgewehrte Verantwortung der Nachkommen. In Schulbüchern oder anderem Unterrichtsmaterial zum 2. Weltkrieg findet man wenig oder nichts über die Okkupation Griechenlands. Dem entspricht eine weitgehende Erinnerungslücke im kollektiven Gedächtnis der deutschen Gesellschaft. Schuld und Verantwortung gegenüber Griechenland wurden länger verdrängt als gegenüber allen anderen von Deutschland okkupierten Ländern.

Als Deutsche schulden wir den Opfern und ihren Nachkommen eine Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Griechenland. Eine Bearbeitung der zurückliegenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist zugleich eine Antwort auf die gegenwärtig zunehmende Relativierung der Kriegsschuld in Teilen der deutschen Gesellschaft. Eine rechtsextreme Partei sitzt im Deutschen Bundestag und fordert eine „erinnerungspolitische Wende“. Eine ihrer zentralen Aussagen ist, dass man auf die Leistungen der Soldaten im Zweiten Weltkrieg wieder stolz sein müsse.

RfG-Positionspapier_Kriegsschuld_Jan2020
zu „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegen Griechenland“ – eine Kampagne von Respekt für Griechenland (4 Seiten)

Überblick über Begleitmaterial für eine Erprobungsphase mit dem Film

Zusätzlich zum Film bieten wir Texte, Fotos und Dokumente zu ausgewählten Themenaspekten an. Wir wissen, wie beansprucht Lehrer und Lehrerinnen an Schulen sind und gehen nicht davon aus, dass Pädagogen, die den Film zeigen, sich das ganze bereitgestellten Zusatzmaterial anschauen. Aber wir hoffen, dass sie in den Unterlagen gegebenenfalls Antworten auf Fragen finden, die sie sich selbst stellen oder die von Schülern eingebracht werden. Das Begleitmaterial ist über die untenstehenden Links zu erreichen. Auf Nachfrage schicken wir alle Unterlagen auch in Printform zu.

Angebot an Begleitmaterial für Lehrende und ihre Lerngruppen
1. Zum Massaker von Lyngiades
2. Zur historisch-politischen Einordnung des Films
3. Zur Verwen
dung des Films in der Bildungsarbeit

1. Zum Massaker in Lyngiades

1.1 Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung – am Beispiel des Dorfes Lyngiades

Am 3. Oktober 1943 überfielen ca. 100 deutschen Gebirgsjäger Lyngiades. Sie ermordeten 82 Frauen, Männer, Greise und Kinder, plünderten und setzten alle Häuser bis auf die Kirche und die Schule in Brand. Nur fünf Menschen überlebten am Ort; andere überlebten, weil sie zur Zeit des Massakers nicht im Dorf waren. Die Ermordung unbeteiligter Zivilisten war eine sogenannte Sühnemaßnahme für einen Regimentskommandeur der Gebirgsjäger, Josef Salminger. Er war wenige Tage zuvor durch eine Straßensperre der Partisanen zu Tode gekommen. Das Dorf Lyngiades haben die Nachkommen der Opfer nach und nach aus eigener Kraft wieder aufgebaut. Aufbauhilfe aus Deutschland haben sie zu keiner Zeit erhalten,eben sowenig wie die anderen zerstörten Dörfer. Kein deutscher Soldat wurde für die Verbrechen in Lyngiades bestraft.

„Wen die Deutschen fanden, den haben sie getötet“ . Ulrich Jossner zum Filminhalt (2 Seiten)
Bilder des zerstörten Lyngiades.
Fotos aus der Nachkriegszeit
Karl der „Gute“.
Aus: Christoph U. Schminck-Gustavus, Feuerrauch (8 Seiten)


1.2 Strafverfolgung in der Nachkriegsjustiz – am Beispiel des verantwortlichen Generals für das Massaker in Lyngiades, Hubert Lanz

Befehlshaber der Aktion war der Divisionskommandeur Walter von Stettner, der den Krieg nicht überlebte. Die politische Verantwortung hatte General Hubert Lanz. Dieser befahl eine „schonungslose Vergeltungsaktion“ für den Tod von Josef Salminger durch Partisanen. Zwar gehörte er zu den Verurteilten im „Prozess gegen Generäle in Südosteuropa“ in Nürnberg, wurde aber bereits 1952 begnadigt. Ein späteres Ermittlungsverfahren vor einem deutschen Gericht in München wurde eingestellt.

Das Massaker von Lyngiades in der Nachkriegs-Justiz, Hilde Schramm (2 Seiten)
Brief des ehemaligen Soldaten, Felix Bourier,
an den Bürgermeister von Lyngiades , 1947. Aus: Christoph U. Schminck-Gustavus,Feuerrauch (1 Seite)
2 Fotos von Felix Bourier – als Soldat und als Mönch

1. 3 Zu den Reparationsforderungen aus Griechenland

Die 2019 erneuerte Forderung der griechischen Regierung über bisher verweigerte Reparationen zu verhandeln, wird von der deutschen Regierung strikt abgelehnt. Aber es gibt gute Gründe, diese Thematik mit mehr Verständnis und Entgegenkommen als in der Vergangenheit noch mal aufzugreifen.

 Warum die Reparationsfrage nicht erledigt und nicht abgeschlossen ist, Hilde Schramm (3 Seiten)

 

2 . Zur historisch-politischen Einordnung des Films

2.1 Deutsche Besatzungspolitik gegenüber Griechenland
– und ihre Auswirkungen auf die griechische Nachkriegsgesellschaft


Im Oktober 1940 hatte Italien Griechenland angegriffen, wird aber von der griechischen Armee besiegt .Am 6. April 1941 lässt Nazi-Deutschland die Wehrmacht in Griechenland einmarschieren. Beginn der mörderischen Besatzungszeit. Am 23.4.1941 kapitulieren die griechischen Streitkräfte. Das Land wird in drei Besatzungszonen zwischen Deutschland, Bulgarien und Italien aufgeteilt und von den allen drei Besatzungsmächten ausgebeutet.- am stärksten von Deutschland. Die Besatzungsmächte setzen griechische Regierungen ein, die mit ihnen kollaborierten. Linke und einer nationalistische Partisanengruppen leisten Widerstand. Im September 1943 schließt Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Die italienischen Soldaten werden von der deutschen Besatzung entwaffnet. Im Oktober 1944 zieht sich die Wehrmacht aus Griechenland zurück. Ein Bürgerkrieg beginnt.

Deutsche Besatzungspolitik gegenüber Griechenland (1941-1944)
die Spaltung der griechischen Gesellschaft wird verstärkt. Andreas Poltermann (3 Seiten)


2.2 Folgen der Besatzung für Griechenland und seine Bewohner

Das NS-Regime stürzte Griechenland während der Besatzungszeit in eine Hungerkatastrophe. In wenigen Ländern wütete die Wehrmacht und die SS so brutal wie in Griechenland. Im Rahmen von sogenannten Vergeltungsaktionen gegen unschuldige Zivilisten kam es in zu exzessiven Geiselerschießungen, zur Ermordung von Frauen, Kindern und Greisen. Bekannt sind über 1000 Opfergemeinden, die von der Wehrmacht und der SS ganz oder teilweise in Brand gesetzt wurden. Die griechischen Juden wurden deportiert. Beraubung und Zerstörung der Infrastruktur waren so schwer, dass Griechenland sich danach kaum erholen konnte und die Auswirkungen bis heute zu benennen sind.

Plünderung – Ausbeutung – Beraubung. Aus: Mark Mazower, Griechenland unter Hitler; Anna Maria Droumpouki, Raub und Rehabilitation und Karl-Heinz Roth & Hartmut Rübner, Reparationsschuld (3 Seiten)
Hunger in Athen, Winter 1941/42.
Aus: Mark Mazower, a.a.O (2,5 Seiten)
Ursachen der Hungersnot.
Aus: Katerina Kralova, Das Vermächtnis der Besatzung (2 Seiten)
Bilanz der Zerstörung und der Menschenverluste
in Griechenland im Zweiten Weltkrieg. Aus: Dimitrios K. Apstolopoulos, Die griechisch-deutschen Nachkriegsbeziehungen (1 Seite) und Mark Mazower, Griechenland unterm Hakenkreuz (2 Seiten)

 

2.3 Verweigerung und Desertieren von deutschen Soldaten

Es gab deutsche Soldaten, wenn auch nur wenige, die nach Wegen suchten, sich an den Massakern nicht zu beteiligen. Ein Beispiel ist Karl Schumacher in Lyngiades. Andere gingen weiter. Einige unterstützten heimlich den griechischen Widerstand z.B. durch Flugblätter an die deutschen Soldaten, durch Sabotage oder durch die Weitergabe von Informationen über bevorstehende Angriffe oder Massaker der deutschen Besatzer. Andere desertierten, indem sie die zu den Partisanen der linken Gruppierung ELAS überliefen. Die Anzahl der Überläufer wird auf mehrere hundert geschätzt. Bei den insgesamt geringen Zahlen ist der massive Terrors der Wehrmachtsjustiz im Zweiten Weltkrieg gegen Deserteure mitzudenken. Die folgenden Vergleichszahlen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg beziehen sich jeweils auf den gesamten Kriegsverlauf in allen okkupierten Ländern sowie in Deutschland: „Zwischen 1914 und 1918 wurden 150 Todesurteile gegen Deserteure gesprochen, von denen 48 vollstreckt wurden. Zwischen 1939 und 1945 wurden dagegen mehrere zehntausend Todesurteile verhängt“ (Gregor Kritidis, Überläufer, S. 199).

Widerstand von Griechen und Deutschen, Hilde Schramm (2 Seiten)
Karl der „Gute“
. Aus: Christoph U. Schminck-Gustavus, Feuerrauch (8 Seiten)
Zwei Unterstützer der Partisanen:
Wolfgang Abendroth und Werner Illmer. Aus: Gregor Kritidis, Überläufer (1 Seite)
Gedenktafel für Greta G. Foto von Werner Sollbach

 

2.4 Die Deportation griechischer Juden

Über 60.000 Juden und Jüdinnen wurden aus Griechenland in die Vernichtungslager nach
Polen deportiert. Die meisten stammten aus Thessaloniki, dem ehemaligen „Jerusalem des Balkans“. Die Hilfsbereitschaft der christlichen Bevölkerung unterschied sich von Ort zu Ort. So gab es in Athen beachtliche Rettungsaktionen, in Thessaloniki nicht. Innerhalb der griechischen
Gesellschaft findet zunehmend eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Teil ihrer eigenen Geschichte statt.

Ausplünderung, Deportation und Ermordung der griechischen Juden während der deutschen Okkupation Griechenlands 1941-1944, Andreas Poltermann (4 Seiten)
Offener Brief des Erzbischof
s Damaskinos von Athen gegen die Deportation der griechischen Juden, 23. März 1943 (3 Seiten). Vorläufig liegt nur eine englische Fassung vor.
Deutsche Entschädigungsleistungen an jüdische Überlebende der Shoah in Griechenland, Andreas Poltermann (3 Seiten)

 

2.5 Die Okkupation Griechenland im europäischen Vergleich

Auch in der Ukraine, in Belarus und in Russland wurden Massaker an der Zivilbevölkerung verübt und Dörfer abgebrannt., sogar weit mehr als in Griechenland. Diese und weitere Länder wurden ebenfalls vom deutschen Staat beraubt. Eine Zuwendung zu Griechenland, die solange unterblieb und nun ansteht, darf nicht den Terror in anderen okkupierten Ländern vergessen. Sie sollte aber fragen, worin unterscheidet sich die deutsche Besatzungspolitik in Griechenlands von der Besatzungspolitik in anderen Ländern? Und was ist das Gemeinsame?

Die Okkupation Griechenlands im Vergleich mit den übrigen besetzten Gebieten Europas. Aus: Karl-Heinz Roth & Harald Rübner, Reparationsschuld (8 Seiten)

 

3. Zur Bildungsarbeit mit dem Film

Erfahrungen mit dem Film Der Balkon in der Bildungsarbeit liegen noch nicht vor.
Vorläufig können wir nur um Rückmeldungen von Lehrer*innen und anderen Pädagogen bitten.
Rückmeldung

Von der explorativen Vorphase erhoffen wir uns Erkentnisse darüber, ob und unter welchen Bedingungen der Film sich für die Bildungsarbeit eignet und über Medienzentren / Landesbildstellen/ Landeszentralen für politische Bildung etc. verbreitet werden sollte.

Zugleich erhoffen wir uns konkrete didaktische Anregungen für Pädagogen und Pädagoginnen, die den Film in der schulischen und außerschulischen Bildung mit Jugendlichen und Erwachsenen anschauen und besprechen wollen.

In der Erprobungsphase ist uns daran gelegen, dass der Film in unterschiedlichen Rahmenvorgaben eingesetzt wird: z.B. in einer Doppelstunde; in Rahmen einer Unterrichtssequenz zu Verbrechen der Wehrmacht; in Projekttagen; in Veranstaltungen in Jugendclubs; in größeren Kinovorführungen; in Volkshochschulen; bei Begegnungen von deutschen und griechischen Jugendlichen. Entsprechend unterschiedlich, aber auch um so anregender, wären die Rückmeldungen.

Mögliche Impulse und Fragen an Jugendliche nach der Vorführung des Films haben wir vorbereitet, hatten dann aber Bedenken, bereits in der sehr offenen Erprobungsphase, solche Vorgaben, wenn auch nur gedacht als Anregungen, zu machen. Auf Nachfrage schicken wir Ihnen aber gerne eine Zusammenstellung von Fragen zu.

Für Mitteilungen und / oder Publikationen über vorliegende Erfahrungen mit Jugendlichen und Erwachsenen in der Bildungsarbeit zu Griechenland im 2. Weltkrieg wären wir dankbar.

Abschließend ein Hinweis: Im September 2020 wird ein Bericht über die Verwendung von Zeitzeugeninterviews an deutschen und griechischen Schulen erscheinen. Es handelt sich um ein Projekt der Freien Universität Berlin zusammen mit der Nationalen Kapodistrias Universität Athen mit dem Titel „Memories of the occupation in Greece / Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland.“ Die Interviews (und demnächst auch der abschließende Projektbericht) sind online abrufbar. www.occupation-memories.org/de

Corona: Filmvorführungen DER BALKON – Absagen und Perspektiven

Bericht von Hilde Schramm aus RfG-Newsletter Mai 2020 (gekürzt)

Wegen Corona mussten 2020 im März, April und Mai fünf Vorführungen, deren Termine feststanden, abgesagt werden, und zwar in Berlin (17.03. und 21.04.), Bielefeld (07.03.), Oldenburg (08.03), Cuxhaven (12.05.), Fulda (28.05.). Thematisch hinzuzufügen wäre noch eine Veranstaltung in Stuttgart, wenn auch ohne Film, die für den 17. 03. mit Wolfgang Schorlau u.a zum Problemfeld Kriegsverbrechen und Entschädigung angesetzt war. Die Veranstaltungen waren unter Mitwirkung von Respekt für Griechenland e.V. von Gruppen, Organisationen oder Einzelpersonen vor Ort geplant worden. Wer von RfG jeweils am anschließenden Gespräch teilnehmen würde, stand fest.

Besonders bedauerlich ist, dass die Veranstaltung am 8. Mai in Oldenburg nicht stattfinden kann. Die Filmvorführung im Gedenken an die Kapitulation Deutschlands vor 75 Jahren hätte viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Zahlreiche Gruppen und Organisationen waren eingebunden. Chrysanthos Konstantinidis, der Regisseur, wäre nach Oldenburg gekommen. Christoph Schminck-Gustavus hatte ebenfalls zugesagt.

Es ist schade um die viele Arbeit, die vor allem in die auswärtigen, nicht Berliner Veranstaltungen floss. Aber umsonst war die Vorbereitung nicht, denn alle Veranstalter wollen die Filmvorführungen diesen Herbst nachholen.

Für die Sommermonate wurden einzig Veranstaltungen in Berlin vereinbart, am 16. 06., 21. 07. und 18. 08. Wir hoffen immer noch, damit die unterbrochene Filmreihe mit DER BALKON (jeden 3. Dienstag im Monat) im Lichtblick-Kino weiterführen zu können.

Für den Herbst planen wir, möglichst viele Veranstaltungen in die erste Oktoberhälfte zu legen. Es zeichnet sich bereits ab, dass zu den fünf nachzuholenden Veranstaltungen zahlreiche weitere dazukommen werden.

Nach den Rückmeldungen, die wir bislang erhielten, hatte jede der bisherigen Veranstaltungen einen hohen Aufklärungswert über die Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen, die von deutschen Okkupanten in Griechenland verübt wurden. Die Öffentlichkeitsarbeit mit DER BALKON fortzusetzen und wenn möglich zu intensivieren, macht also durchaus Sinn.




Kommentar zum DLF-Feature „Schuld und Schulden /Deutschland und die Frage der Reparationen“

Sendezeit: Dienstag, der 12.05.2020, 19:15 Uhr

Die Ankündigung des Features „Schuld und Schulden / Deutschland und die Frage der Reparationen“ im Deutschlandfunk klang vielversprechend. Aber für Karin Eckermann und andere, die sich bei Respekt für Griechenland e.V. mit der Thematik befassen, war sie enttäuschend. Nach informativen Passagen insbesondere zur Nachkriegsgeschichte erhält im Verlauf der Sendung die Position der Bundesregierung „alles erledigt“ einen so breiten Raum, dass im Ergebnis eine einseitige Berichterstattung vorliegt. Davon abweichende moralische, politische und rechtliche Positionen, die es in Wissenschaft und Gesellschaft durchaus gut begründet gibt, werden höchstens angetippt, nicht argumentativ entfaltet. Jetzt handelnde Politiker und Politikerinnen werden nicht mit Tatsachen und kritischen Fragen, die sie schwerlich formelhaft beantworten könnten, konfrontiert. Damit fängt die Sendung den gegenwärtigen Problemstand in Politik und Gesellschaft zur deutschen Kriegsschuld und zu den griechischen Forderungen nach materiellen Kompensationen nicht ein.    

Dr. Karin Eckermann

An den Deutschlandfunk
z.Hd. Frau Vivien Leue und Frau Anna Panknin
15.05.20

Ihr Feature am Dienstag, dem 12.05.20, 19:15 Uhr: Deutschland und Griechenland. Die Frage der Reparationen, Schuld und Schulden

Sehr geehrte Frau Leue, sehr geehrte Frau Panknin,

mit großer Enttäuschung habe ich Ihre einseitige Darstellung der Fakten und der Rechtslage zur Frage der deutschen Schuld in Bezug auf die  Wehrmachtsverbrechen in Griechenland in den Jahren 1941 bis 1945 angehört.

  1. Zur Form:

Sie haben nur deutsche Historiker/innen zu Wort kommen lassen, keine griechischen Völkerrechtler. Dadurch ist das Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens, Sachverhalte objektiv aus verschiedenen Perspektiven – hier der unterschiedlichen nationalen Sichtweisen – zu beleuchten und gegensätzliche Positionen zu Wort kommen zu lassen, bewusst oder unbewusst verletzt worden.

  1. Zu den Falschinformationen, Ausblendungen und Leugnungen

Auf die unvorstellbaren Grausamkeiten und Zerstörungen, die die deutsche Wehrmacht im Auftrag des NS-Staates während ihrer Besatzungszeit angerichtet hat, machten Sie gemäß der Darstellung von Karl-Heinz Roth zwar aufmerksam. Sie versäumten jedoch zu erwähnen, dass Griechenland in seiner weiteren Entwicklung bis heute zurückgeworfen wurde und die Bevölkerung auch in der dritten Generation noch traumatisiert ist.

Ebenfalls fehlte in Ihrer Darstellung, auf die Veränderungen in der Gesellschaft mit den Veränderungen in der Politik hinzuweisen: Während die Massaker an der Zivilbevölkerung bis in die 90er Jahre als „allgemeine Kriegsfolgen“ oder „Maßnahmen im Rahmen der Kriegsführung“1 bezeichnet wurden, werden die Massaker heute auch von Politikern/innen als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet. Damit ist eine Barriere gegen die Anerkennung der historischen Schuld beseitigt, – ganz gleich, mit welchen rechtlichen Verdrehungen das AA argumentiert, „alles erledigt“ zu haben.2

In Ihrem Feature gibt der Politikwissenschaftler Köster die Bestimmungen des Versailler Vertrages wieder. Wozu? Die Reparationsforderungen von Griechenland haben nichts mehr mit Versailles zu tun, denn wir befinden uns nicht im Jahr 1919. Köster untermauert damit lediglich die Rechtfertigung der heutigen BRD, nichts zu zahlen.

Zurück zu 1945: In der Nachkriegszeit nahmen die Siegermächte unterschiedliche Haltungen zu den Reparationen ein, die Deutschland auf der Inter-Alliierten-Reparationskonferenz 1945/46 in Paris auferlegt worden waren. Unter den Westalliierten vertrat die USA am stärksten die Position: Versailles solle nicht wiederholt werden. Andererseits sagte Truman aber auch, dass die weiteren Reparationsforderungen aller anderen durch Nazi-Terror geschädigten Länder bei einem Friedensvertrag geklärt werden sollten. Dies muss als völkerrechtliche Bestimmung angesehen werden, auch wenn es 1945 keinen Vertrag dazu gab. Das Versprechen, das gegenüber Griechenland auf der Londoner Schuldenkonferenz 1953 wiederholt wurde und auf dessen Umsetzung Griechenland auf Treu und Glauben bis in die Gegenwart seit vielen Jahrzehnten wartet, hat seine Gültigkeit nicht verloren.

Denn obwohl in der KSZE-Akte von Helsinki sowie im Zwei-plus-Vier-Vertrag als auch in der Charta von Paris die Frage der Reparationen an Griechenland ausgeklammert wurde, kann dieses Versäumnis rechtlich keineswegs mit „abschließend geregelt“ bezeichnet werden. Die einst der griechischen Regierung gegebene Zusicherung, die Reparationsfrage zu erörtern, sobald „die deutsche Frage“ geklärt sein würde, hätte 1990 eingelöst werden müssen. Hier liegt die zweite historische Schuld Deutschlands gegenüber Griechenland.

Ihre Zeitzeugen, die deutschen Verhandlungsführer Dieter Kastrup sowie Horst Teltschick, betonen in sentimentaler Einstimmigkeit, was für „ein Glücksfall“ der Zwei-plus-Vier-Vertrag für die deutsche Geschichte gewesen sei. Die Reparationsfrage sei aber deshalb nicht zur Sprache gekommen, so sagen sie,

  1. weil Griechenland ja schon viel Geld von der Bundesrepublik bekommen hätte,

  2. weil ja 1949 niemand gewusst hätte, wer von den beiden deutschen Staaten für die Reparationsfrage zuständig gewesen sei,

  3. weil die Bundesrepublik ja durch die europäische Zusammenarbeit bis 1990 so viel für Griechenland getan hätte,

  4. weil Griechenland bei der deutschen Wiedervereinigung 1990 die Reparationen hätte einfordern müssen,

  5. weil man dann ja 1990 mit allen Staaten, mit denen sich Nazi-Deutschland im Krieg befunden hatte (50), Verhandlungen hätte führen müssen, und das „hätte Deutschland nicht stemmen können“.

Deshalb sei die Sprachregelung im AA schon vor Beginn der Verhandlungen gewesen: „Wir sprechen das Thema nicht an“. Das sei, so Till Geiger, ein offiziell akzeptiertes „stillschweigendes Abkommen“ gewesen. A. v. Arno bekräftigt, dass der „Anspruch auf Reparationen“ nach so vielen Jahrzehnten verfallen sei, so dass darüber keine Verhandlungen geführt werden müssten.

Zahlreiche Völkerrechtlicher an deutschen Universitäten und anderen Einrichtungen vertreten aber eine andere Position, so auch Matthias Reuß beim öffentlichen Fachgespräch Bündnis90/Grüne Bundestagsfraktion Anfang März 2020: Daraus dass die Reparationsfrage im Zwei-Plus-Vier-Vertrag mit keinem Wort angesprochen wird und ebenso so wenig in der Charta von Paris, kann man nicht auf eine stillschweigende Zustimmung zur „Erledigung“ schließen.

Wie Sie selbst zugeben müssen, argumentiert die Bundesregierung aus der Perspektive des Status quo ante, die einer sachlichen und moralisch-rechtlichen Aufarbeitung der Problematik ausweicht, zumal Griechenland sehr wohl über Jahrzehnte hinweg Reparationszahlungen von Deutschland eingefordert hat, zuletzt 2019.

Griechenland hat nie auf Reparationszahlungen verzichtet, es hat vielmehr immer wieder explizit gegen die Behauptung „alles erledigt“ Einspruch erhoben. So der griechische Botschafter im offiziellen Briefwechsel 1960 mit dem AA zum Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich Griechenland, in dem einer genau definierten Opfergruppe individuelle, wenn auch sehr geringe Entschädigungen, zugesprochen wurden. Die griechische Regierung hat sich damals vorbehalten, weitere Forderungen zu stellen. Unbestreitbar ist auch, dass der griechische Botschafter 1995 dem AA eine Verbalnote überreichte, in der die griechische Regierung die Eröffnung von Verhandlungen zur Reparationsfrage verlangte.

  1. Zur Bewertung

Ihr Feature trug daher mit dieser einseitigen und unvollständigen Darstellung leider nicht dazu bei, die Leerstellen in der eigenen und kollektiven Erinnerung zu verringern und die gegenwärtige bipolare Situation zwischen einfühlsamen Worten und unterlassenem Handeln zu überwinden.

Sie thematisieren nicht die Veränderungen in Politik und Gesellschaft: bei Staatsbesuchen und Gedenkfeiern wird sehr wohl von der Schuld Deutschlands gegenüber Griechenland gesprochen. Und in der Gesellschaft haben sich inzwischen zivilgesellschaftliche Initiativen entwickelt, für welche die Reparationsfrage keineswegs erledigt ist.

Von Respekt für Griechenland zum Beispiel werden folgende Forderungen an die deutsche Politik gestellt:

  • Erstattung des Lösegelds für jüdische Zwangsarbeiter in Thessaloniki
  • Erstattung der Bahnfahrkarten der Deportierten in den Tod
  • Zurückzahlung des Zwangskredits
  • Durchbrechung der Gesprächsblockade und Förderung einer nachhaltigen Entwicklung Griechenlands unter besonderer Berücksichtigung von Opfergemeinden.

Bitte informieren Sie sich und erstellen Sie ein korrigiertes Feature, das der Frage der Schuld und der historischen Verantwortung gegenüber Griechenland besser gerecht wird, als es Ihre Sendung vermocht hat.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Karin Eckermann

1Hilde Schramm, Keynote anlässlich des Fachgesprächs Bündnis90/Grüne Bundestagsfraktion, Erinnern und Aufarbeiten- Die Bedeutung unserer historischen Verantwortung für die deutsch-griechischen Beziehungen, 02.03.20, siehe unter: www.respekt-für-griechenland.de /Kriegsschuld/ Öffentlichkeitsarbeit/p=3486/

siehe auch : www.respekt-für-griechenland.de/Kriegsschuld/Kampagne: Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland/ RfG-Positionspapier zur Kriegsschuld (Download)

2 Vgl. Hilde Schramm, Keynote, a.a.O.

Textfassung der Sendung im Deutschlandfunk:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/deutschland-und-die-frage-der-reparationen-schuld-und.3720.de.html?dram:article_id=474218 

Vorstellung der Kampagne „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“

„Wir sind eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die sich in Griechenland in der Flüchtlingshilfe engagieren, dort Klimaschutzprojekte machen und Selbsthilfegruppen unterstützen. Durch unsere Arbeit wissen wir, wie fest unter einer beruhigten Oberfläche die Verbrechen von Deutschen im Zweiten Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Zugleich mussten wir erkennen, wie beschämend gering die Bereitschaft Deutschlands war, Griechenland beim Aufbau seines zerstörten Landes zu helfen und Leidtragende zu entschädigen.

„Vorstellung der Kampagne „Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland““ weiterlesen

Veranstaltungsreihe mit DER BALKON – Wehrmachtsverbrechen in Griechenland

„Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“ so lautet der vollständige Titel der Kampagne von Respekt für Griechenland. Sie wurde mit dem Dokumentarfilm „Der Balkon – Wehrmachtsverbrechen in Griechenland“ von Chrysanthos Konstantinidis am 31.03.2019 in Berlin eröffnet. Der Film ruft die Zerstörung des Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943 in Erinnerung.

Respekt für Griechenland hat den Film jeweils mit lokalen Kooperationspartnern im Jahr 2019 an mehreren Orten gezeigt und setzt dies im Jahr 2020 fort. „Veranstaltungsreihe mit DER BALKON – Wehrmachtsverbrechen in Griechenland“ weiterlesen

Der Balkon – Infos für Veranstalter

Der Balkon
Wehrmachtsverbrechen in Griechenland
Untertitel:
Die Vernichtung des Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943

Dokumentarfilm von Chrysanthos Konstantinidis
Griechenland 2018, 101 Min. / Original mit deutschen Untertiteln

Lyngiades, ein Dorf in Nord-Griechenland, wird wegen seiner wunderbaren Aussicht der „Balkon“ genannt. Doch die Idylle war Schauplatz eines Massakers, das hierzulande noch kaum bekannt ist. Am 3. Oktober 1943 ermordeten die deutschen Besatzer zweiundachtzig Dorfbewohner, überwiegend Kinder und alte Leute, und zerstörten fast alle Häuser. „Der Balkon – Infos für Veranstalter“ weiterlesen

Weitere Veranstaltungen

02.03.2020, Berlin:
Fachgespräch Bündnis90/ Grüne Bundestagsfraktion:
Erinnern. Gedenken. Aufarbeiten – Die Bedeutung unserer historischen Verantwortung für die deutsch-griechischen Beziehungen
Hilde Schramm, Keynote

28.08.2019 Berlin:
Podiumsdiskussion: Deutsch-griechische Vergangenheit und ihre Aufarbeitung

14.06.2019 Berlin:
Vortrag/Diskussion zur deutschen Kriegsschuld

Unterstützung der Kampagne:

„Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“

Unterstützen Sie uns durch Ihre Unterschrift, Ihre Mitarbeit oder durch Spenden!

Unabhängig davon, ob die strittigen Reparationsfragen noch einmal mit Griechenland verhandelt und zu einem Ergebnis geführt werden, lassen sich heute aus politischer und moralischer Verpflichtung und auch aus rechtlichen Gründen Forderungen benennen, die auch mit Verweis auf etwaige Reparationsabkommen oder Präzedenzfälle nicht abgewiesen werden können. „Unterstützung der Kampagne:“ weiterlesen